Wirtschaft

Artikel mit dem Schlagwort Wirtschaft.

Die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (INSM), eine neoliberale Lobbygruppe (mehr Details nachzulesen im INSM Watchblog) schickt sich an, ein jährliches Bundesländer-”Ranking” herauszugeben.

Als eine von Berlins “Stärken” wird da angeführt:

Die Arbeitnehmerentgelte je Arbeitsnehmer sind in Berlin von 2004 – 2006 am stärksten gesunken. Mit einem Minus von 1,1 Prozent (Schnitt +0,5 Prozent) liegt Berlin damit auf Platz 1.

WTF?!? Kann mir mal einer erklären, was das in Hinblick auf eine soziale Marktwirtschaft Gutes an sich hat? Ist es nicht eher schlecht, wenn die Arbeitnehmerentgelte sinken?

Update: Dieser Hintergrundartikel aus Zeit vom 04. Mai 2005 zur INSM ist interessant.

American Airlines Flug 84, Chicago—Frankfurt, Boeing 767-300.

Blogs sind ja auch zum Sich-Beschweren da.

Ich bin am Samstag Vormittag mit einem American Airlines Flug aus Chicago in Frankfurt angekommen. Von amerikanischen Fluggesellschaften ist man ja einiges gewöhnt. 5 Dollar fuer ein winziges Fläschchen schlechten Weins, oft unfreundliches Personal, schlechtes Essen – es wird halt überall gespart wo es nur geht. Also hauptsächlich an Passagieren in Economy (Neudeutsch für Touristenklasse). Zahlvieh eben.

Was ich heute Nacht erlebt habe erreicht allerdings eine neue Klasse der Passagierschikane.

Erstens:
In der Touristenklaase war eine Toilette defekt—und zwar schon in Chicago am Boden. Sie war versiegelt und auf ihr klebte ein “out of order” Schild. Folge: Anstatt 4 Toiletten mussten sich die ca. 200 Passagiere der Touristenklasse 3 Toiletten teilen. In der Businessklasse saßen 30 Passagiere und teilten sich 2 Waschräume. Durchsage (auf Deutsch und Englisch): Es ist verboten, während des Fluges die gebuchte Kabinenklasse zu verlassen. Man darf also nicht mal vor zur Business aufs Klo. Aha. Fröhliches in der Schlange stehen war angesagt (was eigentlich auch verboten ist…). 4 Toiletten für 200 Passagiere sind schon eine Frechheit. Dass American Airlines dann (aus welchen Gründen auch immer—vermutlich Zeit/Geld) auf die Reparatur einer Toilette verzichtet ist unverschämt. Und beängstigend ist die Frage: Wenn sie schon die Toiletten nicht reparieren, sparen sie dann evtl. auch an Wartungsarbeiten und an Ersatzteilen? Gefährden sie mit ihrem Sparen nicht nur den Komfort des Großteils ihrer Passagiere sondern eventuell auch deren Sicherheit?

Zweitens:
Essen. Groß angekündigt als “International Flagship Dinner” war das Essen das absolut schlechteste was mir jemals in einem Flugzeug vorgesetzt wurde. Klar, jeder meckert über Flugzeugkost. Aber gegen das American Airlines “International Flagship Dinner” erscheint mir das Essen bei anderen Gesellschaften wie das eines Feinschmeckerlokals. Es gab Huhn. Natürlich einzunehmen mittels billigstem Plastikbesteck. Welche Art von Fleisch es tatsächlich war, konnte ich geschmacklich nicht feststellen. Das Fleisch (?) war weiß, wabbelig, aber gleichzeitg voller Knorpel und vollkommen geschmacksfrei. Daran änderte auch die braune nichtidentifizierbare Sauce nichts. Beilagen waren eine winzige Menge Kartoffelbrei (fast bissfest) und grüne geschmacksneutrale Bohnen. Gesamtgewicht des Essens ca. 150 Gramm (geschätzt). Der Appetit war mir sowieso nach den ersten Bissen vergangen. Auf dem Tablett war ansonsten noch ein eingeschweisstes Brötchen (wie alt das wohl war?), trockene Kekse, die ich erst gar nicht versucht habe und ein nicht weiter erwähnenswerter Salat von normal-mäßiger Qualität. Und das nennen die “International Flagship Dinner”. Ein Euphemismus oder gar Ironie? Angesichts der Tatsache, dass American Airlines soweit ich weiß nur noch auf Langstreckenflügen überhaupt Essen anbietet, halten sie diesen Fraß tatsächlich für etwas besonderes.

Ich habe für den Flug 100.000 meiner Prämienmeilen bezahlt. Ein normales Hin- und Rückflug-Ticket in meiner Buchungsklasse kostet im Augenblick etwa 1500,- Dollar. Im Winter ist fliegen offenbar günstiger und man zahlt um die 800,- Dollar. Der Preis ist weitgehend unabhängig von der Fluggesellschaft (ein Schelm sei, wer da Preisabsprachen vermuten würde). Ich bin der Ansicht, für mein Geld mehr Service und intakte Waschräume erwarten zu können. Von korrekt gewarteten und sicheren Flugzeugen gar nicht zu reden (hier will ich American Airlines nichts unterstellen). Dass das geht sieht man an Gesellschaften wie Air France/KLM und Lufthansa, die hochprofitabel operieren und hervorragenden Service (im Vergleich zu American Airlines) auf ihren Lang- und Mittelstreckenflügen anbieten. Lufthansa hat gar Metallbesteck und meiner Ansicht nach wirklich gutes Essen.

Ich werde in Zukunft American Airlines so gut ich kann meiden. Den Rückflug werde ich sicher überleben. Mein nächster Transatlantikflug ist dann mit Northwest Airlines. Mit denen hatte ich bisher eigentlich gute Erfahrungen.

Update: Hier eine Story (leider nur auf Englisch) über einen Continental Airlines Flug von Amsterdam nach New York, bei dem nicht nur eine, sondern fünf von sechs Toiletten kaputt waren…

Noch vor zwei Wochen (siehe vorangegangenen Beitrag) hätte ich nicht zu vermuten gewagt, was sich im Augenblick (so scheint es zumindest aus der Auslandsperspektive) in Deutschland abzuspielen scheint. Das ganze hat ein unschönes Eskalationsmuster. Alles beginnt damit, dass Bundesanwaltschaft und Polizei am 7. Mai eine Großrazzia bei linken und globalisierungskritischen Gruppen durchführen. Begründung: “Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung”.

Wie abzusehen gewesen wäre, hat die Razzia zu zwei Ergebnissen geführt: Erstens, – und das ist das Positive – eine Solidarisierung eines großen Teils der Bevölkerung mit den friedlichen Anti-G8-Protesten und zweitens, die zunehmende Radikalisierung bereits latent radikaler und gewaltbereiter Linker. Es kam zu Ausschreitungen bei Spontanprotesten und zu massiver Sachbeschädigung. Was kommt als nächstes?

Die “radikale Linke” scheint an einem Punkt angelangt, wo nicht nur mehr geringfügige Sachbeschädigung und Farbschmierereien symbolische Mittel der Militanz sind, sondern massive Sachbeschädigung zur Tagesordnung wird. Wie geht das weiter? Ich zitiere aus der taz vom 23. Mai:

Die Zerstörung des Autos von Diekmann ist ein weiterer in einer Reihe von kleineren Anschlägen, die Unbekannte in den vergangenen Wochen vor allem in Hamburg und Berlin verübten. Vorige Woche wurde das Haus des Chefs der Lufthansa-Technik in Hamburg mit Farbbeuteln und Steinen beworfen. Im Bekennerschreiben nimmt eine anonyme Gruppe Bezug auf die bundesweite Großrazzia der Bundesanwaltschaft gegen Globalisierungsgegner am 9. Mai: “Es ging um einen Angriff gegen diegesamte radikale Linke”, heißt es in dem Schreiben.

Diekmann kann man nicht leiden können, seine Zeitung kann man verabscheuen. Sein Auto kann man nicht anzünden, denn das ist nicht nur ganz klar eine Straftat, sondern ist auch jeglichem inhaltlich ernstzunehmendem Protest massiv kontraproduktiv. Und hier bin ich ganz direkt: Es ist für jeden klar denkenden Menschen und für die Gesellschaft en gros nicht nachvollziehbar, wieso auf eine Razzia der Bundesanwaltschaft (sei sie nun gerechtfertigt oder nicht!) mit Gewalt geantwortet werden muss. Da weder Gesellschaft noch “Staatsgewalt” zu differenzieren geneigt sind, diskreditieren sich die Militanten nicht nur selbst, sondern die komplette Linke und damit auch die Gewalt ablehnenden Anti-G8-Aktionsbündnisse. Aus einem “Angriff” des Staates auf die “militante Linke” wird so, katalysiert durch die Reaktion der gewaltbereiten Gruppierungen, ein Glaubwürdigkeitsverlust der gesamten Protestbewegung.

Kein Wunder, dass die Bundesregierung dann zwar friedliches Demonstratieren zum G8 Gipfel erlauben will (was sie laut Grundgesetz muss), aber das Land Mecklenburg-Vorpommern vorsichtshalber mal das Demonstrieren direkt am Metallzaun des G8-Geländes untersagt (oder angewiesen wird zu untersagen?).

Wie geht es weiter? Gewalt erzeugt Gegengewalt erzeugt Gewalt. Es heisst, aus der Geschichte lernen. Groß aufgezogenen Razzien sind ebensowenig hilfreich und effektiv wie gewaltätige Antworten auf ebendiese. Wenn beim G8-Gipfel alles friedlich verläuft und die Steine auf dem Boden und die Wasserwerfer ausgeschaltet bleiben, dann haben wir etwas gelernt. Dann hat die überwältigende Mehrheit der friedlich Protestierenden die kleine Minderheit der radikalisierten Hitzköpfe dominiert. Letzteren wage ich gar, zumindest teilweise Lust an der Militanz der Militanz willen zu unterstellen.

Doch der allgemeine Trend zu unter ökologischen Gesichtspunkten angebauten/hergestellten Nahrungsmitteln wurde von der konservativen deutschen Landwirtschaft (allen voran vom CDU-CSU-lastigen Bauernverband) gehörig verschlafen. Das führt soweit, dass es mittlerweile echte Lieferengpässe bei bestimmten Produkten, etwa bei Milch, gibt, die zu verstärkten Importen aus dem Ausland führen, was der im Öko-Konzept enthaltene Idee des “buy local” widerspricht (siehe weiterführenden Telepolis Artikel). Viele gesundheits- und umweltbewusste Menschen haben schon seit Jahren im Bioladen um die Ecke eingekauft, doch mit der Aufnahme von Bioproduktion in die Sortimente bei den Grossdiscountern Aldi, Lidl und Plus ist der Sprung zum Mainstream geschafft. Jeder will und muss jetzt Bio anbieten (update:
Siehe auch den taz Artikel vom 17. Februar).

Aber ist überall Bio drin, wo Bio draufsteht?

Nun, das sollen Biosiegel garantieren. Da gibt es zum einen die EU Öko-Verordnung die ökologische Mindeststandards beim Landwirdschaft, Viehzucht und Verarbeitung festlegt und auf deren Basis das (gebräuchlichste) staatlich deutsche Biosiegel vergeben wird (siehe auch: Wikipedia zu Bio-Siegeln.

Es gibt ein relativ strenges System von Kontrollinstanzen und auch Multi-Nationals wie REWE, Lidl oder Alid und Global Player wie Kraft Foods können es sich nicht leisten, Bio draufzuschreiben wo kein Bio drin ist. Aber Achtung! Ein Global Player wäre nicht ein Global Player, hätte er da nicht eine Hintertür. Und die heisst: Schreib Bio drauf wo halbes Bio drin ist, die Verbraucher werden’s schon nicht merken.

Beispiel Kaffee (Bio/Fair Trade): In Zusammenarbeit mit der eigentlich (?) erstmal unverdächtig anmutenden Rainforest Alliance bekleben die Großen im Geschäft ihre Kaffeepäckchen mit Bio-Aufklebern und Hinweisen auf fairen Handel. Tatsächlich sind die Vorgaben in Punkto Fair Trade und Bio der Rainforest Alliance viel lascher als etwa die von Transfair/GEPA. Gegenüber der taz räumte Rainforest Alliance Direktorin Tensie Whelan doch tatsächlich ein:


Wir sind kein Biosiegel. Aber wir setzen uns für den Umweltschutz ein und garantieren soziale Standards wie das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, Gesundheitsvorsorge und Löhne, von denen die Bauern leben können.

Im Unterschied zu Fair-Trade-Organisationen bekommen unsere Bauern allerdings keine festen Preise für ihre Produkte. Unser Ziel ist Nachhaltigkeit für den Mainstream. Mit unseren Kriterien können viele Unternehmen zertifizierte Produkte vertreiben.

Wie ich letztens hier in Tucson im Supermarkt feststellen durfte wird das aber so nicht auf den Produkten erklärt. Stattdessen prangt der grüne Frosch der Rainforest Alliance auf der Kaffeepackung. Ein Schelm, wer da böses denkt… Auch interessant: Die Unterstützerliste der Rainforest Alliance wie publiziert im WWW:


AT&T, Kraft Foods, Procter & Gamble, Pfizer, Inc., Anheuser Busch, Citigroup, Gibson Musical Instruments, Chiquita Brands International, Herbal Essences, JP Morgan Chase, Ben & Jerry’s, Home Depot, Green Mountain Coffee Roasters

Also vielleicht doch lieber einen Bogen um den Kaffee und die Bananen mit dem grünen Frosch im Supermarkt?

Ich gebe ja zu, dass ich die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen für jedermann, das das bisherige Sozialsystem ablösen könnte, sehr attraktiv finde. Henning beleuchtet etwas die finanzielle Seite und rechnerisch kann man das sicherlich lösen.

Die eigentliche Frage ist doch aber, was dieser Paradigmenwechsel weg vom Zwang zur Arbeit in den Köpfen der Menschen auslöst. Bricht alles zusammen, weil Menschen von Natur aus faul sind und einfach aufhören werden zu arbeiten? Ich denke nicht. Zuallererst dürfte ein solches Grundeinkommen nicht hoch genug sein, dass irgendjemand auf die Idee kommt, seine Arbeit deswegen niederzulegen. Der Anreiz zum Zuverdienen wäre ausreichend, weil ich denke, dass sich nur wenige mit dem Minimum zufrieden geben.

Heute wird recht viel Druck auf Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger ausgeübt und wer staatliche Leitungen empfängt ist in der Regel auch bedürftig. Das wäre nicht mehr der Fall beim Grundeinkommen und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Form von sozialem Druck, die Schmarotzer und Drückeberger abwertend betrachtet, stärker wird.

Abgesehen davon, dass viel Steuergeld plötzlich den Menschen direkt zukäme, anstatt für Bürokratie ausgegeben zu werden, ist mein Menschenbild positiv genug zu glauben, dass die zusätzliche Freiheit und auch Absicherung viel Positives hervorbringen kann. Sofern sie bereit sind, bescheiden zu leben, könnten Menschen ihre Ideen und Träume ausprobieren, ohne Angst vor der nächsten Mietrechnung zu haben.

Zuletzt und ganz prinzipiell: Um wieviel zig hundert Prozent ist denn die Produktivität in den letzten 200 Jahren im Rahmen der Industrialisierung gestiegen? Sicherlich ist auch der durchschnittliche Lebensstandard gewachsen, aber ich halte die Idee, dass wir reich genug sind, jedem sein Essen und ein Dach über dem Kopf bedingungslos spendieren zu können, nicht für abwegig, geschweige denn kommunistisch.

Ich freue mich auf die Antwort von Christian.