Terror(ismus)

Artikel mit dem Schlagwort Terror(ismus).

Noch vor zwei Wochen (siehe vorangegangenen Beitrag) hätte ich nicht zu vermuten gewagt, was sich im Augenblick (so scheint es zumindest aus der Auslandsperspektive) in Deutschland abzuspielen scheint. Das ganze hat ein unschönes Eskalationsmuster. Alles beginnt damit, dass Bundesanwaltschaft und Polizei am 7. Mai eine Großrazzia bei linken und globalisierungskritischen Gruppen durchführen. Begründung: “Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung”.

Wie abzusehen gewesen wäre, hat die Razzia zu zwei Ergebnissen geführt: Erstens, – und das ist das Positive – eine Solidarisierung eines großen Teils der Bevölkerung mit den friedlichen Anti-G8-Protesten und zweitens, die zunehmende Radikalisierung bereits latent radikaler und gewaltbereiter Linker. Es kam zu Ausschreitungen bei Spontanprotesten und zu massiver Sachbeschädigung. Was kommt als nächstes?

Die “radikale Linke” scheint an einem Punkt angelangt, wo nicht nur mehr geringfügige Sachbeschädigung und Farbschmierereien symbolische Mittel der Militanz sind, sondern massive Sachbeschädigung zur Tagesordnung wird. Wie geht das weiter? Ich zitiere aus der taz vom 23. Mai:

Die Zerstörung des Autos von Diekmann ist ein weiterer in einer Reihe von kleineren Anschlägen, die Unbekannte in den vergangenen Wochen vor allem in Hamburg und Berlin verübten. Vorige Woche wurde das Haus des Chefs der Lufthansa-Technik in Hamburg mit Farbbeuteln und Steinen beworfen. Im Bekennerschreiben nimmt eine anonyme Gruppe Bezug auf die bundesweite Großrazzia der Bundesanwaltschaft gegen Globalisierungsgegner am 9. Mai: “Es ging um einen Angriff gegen diegesamte radikale Linke”, heißt es in dem Schreiben.

Diekmann kann man nicht leiden können, seine Zeitung kann man verabscheuen. Sein Auto kann man nicht anzünden, denn das ist nicht nur ganz klar eine Straftat, sondern ist auch jeglichem inhaltlich ernstzunehmendem Protest massiv kontraproduktiv. Und hier bin ich ganz direkt: Es ist für jeden klar denkenden Menschen und für die Gesellschaft en gros nicht nachvollziehbar, wieso auf eine Razzia der Bundesanwaltschaft (sei sie nun gerechtfertigt oder nicht!) mit Gewalt geantwortet werden muss. Da weder Gesellschaft noch “Staatsgewalt” zu differenzieren geneigt sind, diskreditieren sich die Militanten nicht nur selbst, sondern die komplette Linke und damit auch die Gewalt ablehnenden Anti-G8-Aktionsbündnisse. Aus einem “Angriff” des Staates auf die “militante Linke” wird so, katalysiert durch die Reaktion der gewaltbereiten Gruppierungen, ein Glaubwürdigkeitsverlust der gesamten Protestbewegung.

Kein Wunder, dass die Bundesregierung dann zwar friedliches Demonstratieren zum G8 Gipfel erlauben will (was sie laut Grundgesetz muss), aber das Land Mecklenburg-Vorpommern vorsichtshalber mal das Demonstrieren direkt am Metallzaun des G8-Geländes untersagt (oder angewiesen wird zu untersagen?).

Wie geht es weiter? Gewalt erzeugt Gegengewalt erzeugt Gewalt. Es heisst, aus der Geschichte lernen. Groß aufgezogenen Razzien sind ebensowenig hilfreich und effektiv wie gewaltätige Antworten auf ebendiese. Wenn beim G8-Gipfel alles friedlich verläuft und die Steine auf dem Boden und die Wasserwerfer ausgeschaltet bleiben, dann haben wir etwas gelernt. Dann hat die überwältigende Mehrheit der friedlich Protestierenden die kleine Minderheit der radikalisierten Hitzköpfe dominiert. Letzteren wage ich gar, zumindest teilweise Lust an der Militanz der Militanz willen zu unterstellen.

Das Spiegel Online immer mehr Richtung Bolevard abdriftet (wie ist das eigentlich mit der Print-Ausgabe, die ich auch schon lange nicht mehr gelesen habe?) war mir schon lange klar und ich habe die Seite gemieden.
Auf der Suche nach ersten Ergebnissen der Präsidentschaftswahl in Frankreich, bin ich heute doch mal wieder auf Spiegel Online gelandet. Und was lese ich da?

Verfassungsschutz warnt vor neuem Links-Terror

Der baden-württembergische Verfassungsschutz hält ein Wiederaufflackern des Links-Terrorismus für möglich. Frühere RAF-Mitglieder könnten zu neuen Ikonen werden. Militante Gruppen würden sich bereits auf einen im Januar verfassten Brief Christian Klars berufen.

(Der ganze Online-Artikel ist hier zu lesen.)

Offenbar hat Schmalzl “Bild” Redakteuren ins Mikrophon diktiert, dass er bereits den “alten RAF Geist” durch die linke Szene wehen sehe und dass er insbesonder in Hinblick auf das G8 Treffen im Juni in Heiligendamm erste Verbindungen zwischen alter RAF-Dogmatik und linkem Protest erkenne. In diesem Zusammenhang beruft er sich auf einen Anschlag (mit Sachschaden) einer militanten linken Gruppe auf Büros der italienischen Handelskammer und des türkische Unternehmer- und Industriellenverband in Berlin am 16. März (näheres siehe indymedia.de und Spiegel Online). Im Bekennerschreiben (siehe auch hier) wurde offenbar unter anderem auf die mediale und politische Diskussion um das Grußwort (via jungewelt.de) des Ex-RAF-Terroristen Christian Klars zur Rosa-Luxemburg-Konferenz Bezug genommen. Wichtig ist hier, dass Klars Grußwort an sich keineswegs die Anschläge motiviert hat.

Die Darstellung Schmalzls und die undifferenzierte Berichterstattung auf Spiegel Online, die vermuten lässt, Klars antikapitalistisch angehauchtes Grußwort habe die Anschläge motiviert, sind falsch und es gibt augenblicklich keinerlei Grund zu der Annahme, linksextremistischer Terror in RAF-Manier könnte in der Gegenwart wieder auftauchen. Dieser Ansicht ist übrigens auch der Präsident des Bundesamts für Verfassungschutz, Heinz Fromm (via netzeitung). Alle anderen Behauptungen (insbesondere die Schmalzls) zeugen von schlechtem Geschichtsverständnis und vor allem von einem vollkommen verschobenen Bild der Gegenwartsrealität in Deutschland und Europa. Es ist falsch die Entwicklung des RAF-Terrors aus dem Kontext der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der 50/60/70er Jahre zu reissen (siehe etwa Gerhard Baums Artikel in der Zeit und die Ergebnisse von 20 Jahren Terrorismusforschung). Es gibt heute keinen gesellschaftlichen Raum und “Nährboden” aus dem eine linksradikale terroristische Bewegung entstehen könnte und Unterstützung fände.