In-America

Artikel mit dem Schlagwort In-America.

Es liesse sich einiges über US-amerikanische Küchengeräte und ihre Unterschiede zu deutschen/europäischen schreiben. Wirklich spannend wäre das aber alles wohl nicht. Schön hingegen ist das Leuchten der offenliegenden Heizelemente beim spätabendlichen Kaffeekochen.

Making Coffee




I-19
Als ich diese Woche den 100-km-Trip nach Nogales, Sonora (Mexico) gemacht habe, um mein Visum zu verlängern, fuhr ich früh morgens auf der US Interstate 19. I-19 ist eigentlich gar keine wirkliche Interstate. Sie verläuft nur die 100 km von Tucson nach Nogales, Arizona. Die Landschaft ist nicht atemberaubend. Southern Arizona halt, mit Steppe, Salinen, viel brauens Niemandsland, ein paar Gebirgsketten. I-19 (km)
Das vielleicht einzig wirklich Bemerkenswerte, ist die Tatsache, dass Entfernungsangaben entlang der I-19 praktisch durchgehend im metrischen (also Meter und Kilometer) System anstatt im sonst hier in den USA üblichen angelsächsischen System (Fuss, Yards, Meilen, auch: Imperial Units) gehalten sind (siehe Bild). Die Höchstgeschwindigkeitsangaben sind jedoch in Meilen (meist 75 Meilen/Stunde, was etwa 120 km/h entspricht). Laut Wikipedia war das metrische System zum Zeitpunkt der Fertigstellung der I-19 in den USA gerade sehr angesagt und sollte in den ganzen USA eingeführt werden. Daraus wurde aber offensichtlich nichts. Mittlerweile ist der Bundesstaat Arizona wohl dabei, die Schilder nach und nach durch neue mit Angaben in Meilen auszutauschen. Schade!

Nach erfolgreicher Visumsverlängerung wieder in Tucson angekommen hörte ich durch Zufall ein paar Songs der eigentlich nordirischen/britischen Band “The Divine Comedy”. Vom Album “Absent Friends” lief der Song “Freedom Road” und der beginnt so:

It’s early morning on I-19.
I ain’t got much for company,
A pick-up truck, a brown Volvo,
And a couple of jokers on the radio.
(Copyright The Divine Comedy and whoever thinks they have the right to claim copyright. Kompletter Liedtext ist über google zu finden.)

Aus dem Song wird nicht ganz klar, ob wirklich I-19 in Arizona gemeint ist. Da es aber nirgendwo sonst eine I-19 gibt, haben sich die göttlichen Komödianten entweder was ausgedacht oder meinen eben halt doch diese eine I-19! Eine Autobahn mit ihrem eigenen Song! Welcher andere Highway hat das schon (ausser Route 66 und dem Pacific Coast Highway 1)?

P.S.: Wäre es nicht wunderbar, ich könnte jetzt direkt und legal auf einen Stream oder gar auf ein MP3 von “Freedom Road” verlinken? Vielleicht gibt’s das ja dann bei Web 3.0 mit pay-per-click… :-(

Es ist schon witzig. Es ist vielen Amerikanern meiner Generation (20/30-somethings) durchaus bewusst, dass David Hasselhoff (“The Hoff”, wie er hier mittlerweile mit Augenzwinkern genannt wird) in Deutschland in den 80er und 90er durchaus sehr populär war und heute immer noch einen gewissen Kultstatus besitzt. Es ist mir schon mehr als einmal passiert, dass, nachdem ich mich als Deutscher vorgestellt habe, Sätze wie “Oh, Du kommst aus Deutschland! Bist Du Hasselhoff-Fan?” – immer mit breitem Grinsen – kommen.

Hasselhoff war hier in den USA eigentlich schon immer der Anti-Star der er so ab Mitte der 90er in Deutschland wurde und man wunderte sich hier offenbar auch schon zu deutschen Hasselhoff-Hoch-Zeiten sehr darüber, was wir Deutschen denn an diesem drittklassigen Schauspieler und viertklassigem Sänger denn fänden. Nach langer Zeit ist mir endlich eine gute Antwort auf diese Frage klargeworden: Hasselhoff war – im übertragenen Sinne – zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit seiner Darstellung des stets für die gerechte Sache eintretende Michael Knight in Knight Rider und des Rettungschwimmers Mitch Buchannon in Baywatch, verkörperte er das Gute (und das gute Amerikanische und Freie) an sich. Seine Platte “Looking for Freedom” (und das gleichnamig Lied) kam 1989 im deutschsprachigen Raum auf den Markt und wurde das meistverkaufteste Album dieses Jahres, wohl nicht zuletzt durch die zeitliche Überschneidung mit der Wende in der ehemaligen DDR. Hasselhoff sang den deutschen aus den Herzen und durfte zu Silvester 1989/1990 vor mehr als 500.000 Menschen am Brandenburger Tor “Looking for Freedom” singen.

Man kann über Hasselhoff denken, was man will. Diesen Moment habe ich nicht vergessen:

(youtube Direktlink)

Wie George W. Bush gerne in Reden erwähnt, ist Amerika, genauer, sind die Vereinigten Staaten, “the freest nation on Earth’s face.” - die freieste Nation auf dem Erdboden. Wie bei vielem in diesem Land trügt der Schein. Es gibt auf dem Papier kein Meldewesen, keinen Personalausweis (aka National ID) und allein die Größe und, bis auf in Ballungsräume und an Ost und Westküste, sehr niedrige Besiedlungsdichte erwecken den Anschein, dass in diesem Land jeder unbehelligt von Staatsmacht und der ihn umgebenden Gesellschaft, praktisch anonym sein Süppchen kochen könnte.

Tatsächlich sind Freiheit und Anonymität zumindest teilweise nur Illusion. Beispiel persönliche Daten: Jeder Amerikaner und jeder Ausländer, der jemals legal in den USA gearbeitet hat, hat eine Sozialversicherungsnummer, die Social Security Number - und man braucht sie überall. Für den Arbeitgeber natürlich, beim Finanzamt, beim Beantragen eines Führerscheins, beim Eröffnen eines Bankkontos. Der Vermieter will sie haben, die Kranken und Autoversicherungen natürlich auch und so weiter und so fort. Weil Versicherungsnehmern, Bankkunden und Mietern generell scheinbar nicht zu trauen ist, geht die Datensammelwut der Unternehmen sehr weit. Es geht vor allem um die “credit history”, die finanzielle Historie des Kunden, um seine Kreditwürdigkeit festzustellen. Man muss üblicherweise Wohnanschriften der letzten paar Jahre sowie detaillierte Informationen zu Arbeitsstelle und Lebensumständen angeben. Diese werden dann überprüft. Bei Versicherungen richtet sie die Höhe der Prämien zu einem gewissen Teil nach den Ergebnissen dieser Überprüfung. Bei Ausländern bei denen naturgemäß eine detaillierte Überprüfung von den USA aus schwierig ist, wird schonmal im Zweifelsfalle die höchste Prämie verlangt.

Natürlich ist jeder frei, seine privaten Daten für sich zu behalten. Er bekommt dann halt keine Wohnung, kann sein Auto nicht versichern und muss auf Bankkonto und Kreditkarte verzichten. Ja, die USA sind ein freies Land.

Letzens schrieb mir meine Vermieterin eine e-Mail. Sie habe ein unbekanntes Auto auf der Straße vor dem Bungalowkomplex gesehen. Ob das mein Neues sei und ich solle doch bitte ihr Informationen über Kennzeichen, Marke, Typ, Farbe und Baujahr zukommen lassen. Auf Rückfrage, wieso das denn nötig sei, da das Auto immer auf der Straße im öffentlichen Raum (na ja, man braucht einen Anwohnerparkschein von der Stadtverwaltung) geparkt sei und somit nichts direkt mit dem Gelände zu tun habe, antwortete sie (ziemlich wörtlich übersetzt ohne Versuche, groß aus dem Schreiben Sinn zu machen):

Wir benötigen bestimmte Informationen, um das Anwesen effektiv führen zu können. Informationen über Ihr Fahrzeug gehören – wie im Mietvertrag angegeben – dazu. Wir fragen nach Ihren Fahrzeuginformationen zur Sicherheit der Anwohner. Wenn wir ein Fahrzeug sehen, das wir nicht kennen, schauen wir es uns mit recht großer Wahrscheinlichkeit näher an. Vielleicht ist gerade jemand Unbekanntes dabei, Wertsachen aus einem der Bungalows aus- und in sein uns unbekanntes Fahrzeug einzuräumen. Hinzu kommt, dass nichtauthorisierte Bewohner manchmal zusätzliche Abnutzung, Zerstörung, Lärm und/oder kriminelle Aktivitäten auf das Anwesen bringen. Ausserdem reduzieren illegal abgestellte Fahrzeuge die Anzahl der Parkplätze die für die Anwohner zur Verfügung stehen.

Hallo? Sinn macht diese Antwort jedenfalls kaum. Illegal abgestellte Fahrzeuge auf einer öffentlichen Straße wo man sowieso einen Anwohnerparkschein benötigt, um nicht Gefahr zu laufen, abgeschleppt zu werden? Ich kann dieses übertriebene Sicherheitsverlangen (oder was immer es hier ist) einfach nicht nachvollziehen.

Auch im sonst eher sonnigen Südarizona schneit es mal:

Snow in Tucson Snow in Tucson

(mehr Bilder (nicht von mir) sind etwa hier zu finden.)

Es kommt üblicherweise nur alle paar Jahre mal vor, dass es in Tucson schneit. In den letzten Jahren war das Wetter in Tucson auch wechselhafter als “früher”. Laut der Aussagen von langjährigen Anwohnern, sind die Wetterschwankungen stärker geworden, die Extreme ausgeprägter. Der Klimawandel in der Wüste?

Jedenfalls (man mag es als grüner Europäer kaum glauben) werden sich auch die US Amerikaner langsam bewusst, dass spritschluckende SUVs und ein pro Kopf doppelt so hoher Energieumsatz als in Europa kaum das Gelbe vom Ei sein können. Hier in Tucson sieht man neben den üblichen christlichen “God loves you” oder kommerziell genutzten Billboards mittlerweile auch Großflächenplakate von stopglobalwarming.org, etwa wie dieses hier:

Stop Global Warming

Ausserdem kommen die Tucsonians auch langsam aber sicher zu der Erkenntnis, dass sich die ganze Sonne doch eigentlich wunderbar zur Energiegewinnung nutzen lassen müsste (oh Wunder…). Die Zuwachsrate an privaten Solarenergieanlagen und Niederenergiehäusern (das bedeutet in Arizona, dass die Häuser vernünftig wärme/kälteisoliert sind und Solarenergie nutzen) ist enorm. Man kann zwar noch keinen Ökostrom vom örtlichen Energieanbeiter Tucson Electric Power (ja, es gibt nur einen!) beziehen, aber wenn man monatlich einen bestimmten Betrag zusätzlich bezahlt, so verspricht Tucson Electric Power, dieses Geld in Solarprojekte zu investieren. Immerhin.

Ich sitze gerade in einem Lufthansa Airbus A340-600 und bin online - via Satellit und das ganz kostenlos. Normalerweise kostet das wohl USD 30, für einen ganzen Flug, was bei ca. 10h Flugzeit Frankfurt—Denver ja eigentlich kein schlechter Deal ist.

Ich bin also auf dem Weg nach Amerika. Nach Tucson, Arizona. Dort und von dort aus werde ich in den nächsten 3 Wochen arbeiten und blogressiv.de mit Berichten aus dem Wilden Westen wiederbeleben.

Gruß aus 12,000 Meter Höhe!

Christian

Update: Ich hab’s gestern nur bis Denver geschafft—heute geht’s erst weiter nach Tucson.