Bildung

Artikel mit dem Schlagwort Bildung.

Bypassing

Ich sitze ganz stilecht im Bordrestaurant des ICEs von Berlin nach Frankfurt und habe gerade einen interessanten Artikel in der taz von Hauke Brunckhorst über den Bologna-Prozess zur Vereinheitlichung der Studiengänge und -abschlüsse in Europa gelesen. Offenbar gibt es gar keinen Bologna-Beschluss sondern nur ein Ergebnisprotokoll, präsentiert auf der Pressekonferenz zum Abschluss der Bologna-Konferenz am 9. Juni 1999. Teilnehmer dieses Treffens zu Bildung und Wissenschaft in Europa waren Staatssekretäre, Experten und Private/Publik Partner. Insbesondere hatte die Konferenz keinerlei EU-Organkompetenz. Trotzdem wurden ihre Ergebnisse bzw. Beschlüsse ohne weitere Debatten direkt in Gesetze der EU-Mitgliedstaaten (in Deutschland natürlich in Ländergesetze der einzelnen Bundesländer) übernommen.
Brunckhorst bezeichnet diesen Vorgang treffend als bypassing demokratischer Legitimierung.

Schon während der ganzen PISA-Aufregung, schauten viele aus meiner alten Heimat hinüber in meine neue, nämlich Schweden, wo ja alles so viel besser ist. Jetzt streiken die Ärzte in Deutschland, und wiederum ist Schweden das gelobte Land.

Es wird wohl doch einmal Zeit, mehr über Schweden zu schreiben.

Gerade fiel mir dieses Zitat von Einstein wieder in die Hände. Mögen sich das bitte alle, die das Universitätsstudium “straffen” wollen, zu Herzen nehmen.

Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, daß er ein lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben wert ist. Er muß einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und was moralisch gut ist. Sonst gleicht er mit seiner spezialisierten Fachkenntnis mehr einem wohlabgerichteten Hund als einem harmonisch entwickelten Geschöpf. Er muß die Motive der Menschen, deren Illusionen, deren Leiden verstehen lernen, um eine richtige Einstellung zu den einzelnen Mitmenschen und zur Gemeinschaft zu erwerben. Diese wertvollen Dinge werden der jungen Generation durch den persönlichen Kontakt mit den Lehrenden, nicht – oder wenigstens nicht in der Hauptsache – durch Textbücher vermittelt. Dies ist es, was Kultur in erster Linie ausmacht und erhält. Diese habe ich im Auge, wenn ich die “humanities” als wichtig empfehle, nicht einfach trockenes Fachwissen auf geschichtlichem und philosophischem Gebiet. Überbetonung des kompetetiven Systems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit schließlich auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist. Zum Wesen einer wertvollen Erziehung gehört es ferner, daß das selbständige Denken im jungen Menschen entwickelt wird, eine Entwicklung, die weitgehend durch Überbürdung mit Stoff gefährdet wird (Punktsystem). Überbürdung führt notwendig zu Oberflächlichkeit und Kulturlosigkeit. Das Lehren soll so sein, daß das Dargebotene als wertvolles Geschenk und nicht als saure Pflicht empfunden wird.

Aus einer alten Email, die folgende Quellenangabe enthielt: Auszug aus einem 1952 in der New York Times erschienenen Interview mit Albert Einstein. Entnommen aus: “Mein Weltbild”, Ullstein Verlag 1970, Herausgeber: Carl Seelig.

Ich bin überzeugter taz Leser und sogar Genossenschaftsmitglied. Der Artikel von Christian Füller, erschienen in der taz vom Dienstag, den 1. November 2004, hat mich jedoch zur Weißglut gebracht…

Ein Leserbrief:

Lieber Christian Füller, liebe taz,

im Artikel “Kultusminister wie die drei Affen”, erschienen am 1. November 2005, versucht ihr über die Auswertung der neuesten PISA-Studie zu berichten. Dies geht jedoch leider journalistisch massiv daneben:


Die deutschen Schulen sind ungerecht – und es wird immer ungerechter.

Die neueste Pisa-Veröffentlichung zeigt, dass die Schulen zwischen Konstanz und Kiel Bildungserfolg und Karrierechance zuvörderst nach dem überkommenen Prinzip von Herkunft verteilen. Vereinfacht gesagt: haben die Tochter einer Friseurin und die einer Ärztin den exakt gleichen Intelligenzquotienten und präsentieren sich im Unterricht gleich stark, dann hat dennoch die höhere Tochter eine viermal so hohe Chance, aufs
Gymnasium zu kommen. Bildung nach dem Standesprinzip.

Was Ihr da schreibt ist nicht nur journalistisch schlecht, da polemisch-populistisch, sondern in der Sache eklatant falsch. Die Selektion nach Herkunft ist sekundärer Natur. Es gibt keine Bildung nach einem Standesprinzip in dessen Folge die Tochter einer Friseurin bei gleichen Fähigkeiten schlechter wegkäme als die einer Ärztin. Tatsache jedoch und gleichzeitig das eigentliche Problem ist: Die Tochter einer Friseurin hat bei gleichen (biologischen) Grundvorraussetzung im Durchschnitt schlechtere Präsentationsfähigkeiten und Methodenkompetenz als die einer Ärztin!

Hier lohnt es sich nun, nach den Ursachen zu fragen. Die sind zweierlei Natur: Zum einen wird in der Schule nicht genug getan, um elternhausbedingte Unterschiede der Bildungsrahmenbedingungen auszugleichen und Kinder aus “bildungsfernen” Schichten geziehlt zu fördern. Zum anderen stehen wir vor einem tieferen gesamtgesellschaftlichen Problem: Wieso gelingt es der Politik nicht, die Bedeutung von Bildung als (einzig verbliebene, gar wachstumsbedingende) Ressource in das Bewusstsein der Gesamtgesellschaft zu hämmern? Es kann nicht sein, dass wir in jedem Kinderzimmer einen Fernseher, aber gleichzeitig Erstklässler mit dem Sprachniveau von Dreijährigen haben (Renate Künast). Selbst der Friseurin muss klar sein, dass letztlich Bildung – und sei es nur das kompetente Beherrschen der Sprache in Wort und Schrift – die wichtigste Zukunftsinvestition ist, die sie ihren Kindern mitgeben kann. Das vorherrschende Paradigma der Mittelmäßigkeit (bloß nicht auffallen, bloß kein Streber sein) muss durch eine positive Sicht von Bildung, dem Streben nach Wissen und akademischer Leistung im Bewusstsein der Menschen ersetzt werden. Nur dann können wir dorthin gelangen, wo etwa Frankreich, Schweden, Norwegen und Finnland schon lange sind. Dort gehen die Arbeiter in die Oper. Hier lesen sie Bild.

Herzlichst

Euer Christian