Wissenschaft vs. Religion

Da befasst sich einmal jemand mit einem kleinen Artikel, den man geschrieben hat, und prompt wird man als ‘’billig’’ bezeichnet. :-)

Mag ja sogar sein, schließlich war der Anspruch keineswegs, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Allerdings wird da behauptet, ich

[erkläre] eingangs ersteinmal jede, die die Bibel für die Worte einer höheren Macht hält, zur Fundamentalistin, die sich rationalen Argumenten verschliesst [...], um dann mit ein paar Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie” aufzuwarten, die zumindest diese Herren und Damen von der kreationistischen Front zurecht eher wenig beindrucken dürfte.

Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen und deshalb in aller Kürze hier ein paar Einwände:

  • Keineswegs erkläre ich Leute zu Fundamentalisten. Da werden beim freien Zitieren zwei Sätze miteinander verwurstelt. Aber richtig ist und dabei bleibe ich, dass sich rationalen Argumenten verschließt, wer ein Buch für gottgegeben hält. Nicht notwendigerweise in allen Bereichen, aber eben mindestens, wenn es um die Herkunft des Buches geht.

  • Zu den Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie”: Sprache ist wichtig, auch für die Wissenschaft, denn sie ist unsere einzige Möglichkeit, Wissen weiterzugeben. Gerade deshalb muss man achtgeben, Begriffe zu klären, insbesondere, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrundswissen kommunizieren. Außerdem ging es mir nur darum, das eine Argument, das auf der Ausnutzung eines sprachlichen Unterschieds beruht und das im erwähnten Vorfall von der Diskussion um Evolution auf die Astronomie überschwappte, als wirklichen Allgemeinplatz zu entlarven.

  • Dass es weitere Argumente gibt, die oben genannte Herren vielleicht mehr beindrucken, kann schon sein, spielt aber keine Rolle, denn nichts lag mir ferner, als Kreationisten beindrucken zu wollen. Das ist doch der zentrale Punkt: Es tötet jede Diskussion, wenn jemand sagt “Es steht so in der Bibel, also ist es wahr”. Wenn jemand davon überzeugt ist, machen rationale Argumente eben keinen Eindruck mehr.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum eigentlichen Text von Julio Lambing. Es wird zum einen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft angeschnitten und ich möchte insofern widersprechen, dass die Menschen (zumindest die, die in Demokratien leben) sehr wohl Einfluss darauf haben, was erforscht wird. Denn es sind ihre Steuergelder, die zum Großteil die Grundlagenforschung finanzieren, und über die üblichen Mittel der Politik und Geldverteilung wird eben auch die Wissenschaft gesteuert.

Wissenschaft als Religion ist ein weiteres Thema und ich stimme völlig überein damit, dass Wissenschaft für viele den Status einer Religion einnimmt und Menschen dementsprechende Verhaltensweisen zeigen. Eine “Desakralisierung” der Wissenschaft zu fordern ist richtig, aber umsomehr muss man dabei darauf achten, eine vehemente Verteidigung der wissenschaftlichen Methode nicht als religiöse Agitation zu werten. Denn selbst wenn man Wissenschaft als Religion betrachtet, weist sie doch einen essentiellen Unterscheid zu allen anderen auf: Wenn man allen idelogischen und dogmatischen Überbau wegwirft, bleibt bei ihr als einziger etwas übrig. Sie funktioniert nämlich.

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  1. Hm. Der erste große Irrtum, an den sich so ziemlich alle nachfolgenden anschließen ist die Grundthese in der Überschrift…

  2. Jens: Keineswegs. Man muss unterscheiden ob Wissenschaft einen Wahrheitsanspruch hat oder nicht. Wenn ja, dann ist der Konflikt mit Religionen meines Erachtens unausweichlich.

    Nun habe ich ja aber oben argumentiert, dass man Wissenschaft ohne religösen Überbau betreiben kann. Dann muss man sich eingestehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht notwendigerweise etwas mit der Realität zu tun haben und schon garnicht wahr sind. Wissenschaft selber ist dann auf ihre Methode reduziert, womit ich durchaus einverstanden bin. Der Gegensatz im Titel ist dann keiner, völlig richtig.

    Es darf aber dann auch keine Religion kommen und sich da einmischen, ohne die Prinzipien der Wissenschaft zu akzeptieren und anzuwenden. Sie tut es aber trotzdem.

  3. Hallo Thomas, vielen Dank für die Entgegnung.

    Es freut mich, dass die Assoziationskette zurückgezogen wird, die im Ausgangstext vom Fundamentalismus ohne Umschweife zu Menschen führte, die die Bibel „für die Worte einer höheren Macht halten“. Es freut mich auch, dass die pauschale Unterstellung zurückgezogen wird, dass solche Menschen sich einer rationalen Argumentation verschließen. Man könnte sich jetzt nach darüber unterhalten, dass auch der Inhalt ihrer Bibelfestigkeit nicht einen Urheberstreit zum Inhalt haben, aber das ist müßig.

    Sowohl für den Ausgangstext als auch für diese Verteidigung bleibt weiterhin kennzeichnend, dass man sich einen Pappmaché-Gegner gestaltet, den man dann mittels ein paar einfachen Wahrheiten der Inhaltslosigkeit seiner Argumentation überführen will. Der Ausgangstext zeigt so nur, wie die wissenschaftstheoretische Selbstreflektiertheit zumindest im ernstzunehmenden Lager deutscher Kreationisten jene der hier angebotenen Allgemeinplätze deutlich übersteigt.

    Warum die Stereotypen und Klischees, mit denen man das Bild vom tumben Fanatiker erzeugt? Warum die Angst vor einer rationalen Auseinandersetzung, die sich darin zeigt, dass man Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design pauschal die rationale Zugänglichkeit abspricht („da machen rationale Argumente eben keinen Eindruck“)?

    Sicher, Wissenschaftler sind eine Sorte von Menschen, die für ideologische Versuchungen jeglicher Art wesentlich offener sind als andere. Aber unabhängig von der Frage, ob ideologische Muster nicht auch den wissenschaftlichen Fortschritt vorantreiben können, amputieren wir uns menschlich, wenn wir uns der häretischen Kreativität, dem rationalen Diskurs und dem Respekt vor intellektuellen Gegner versperren.

    Was die von dir beschworene weltanschauliche Neutralität der Wissenschaft, die “wissenschaftliche Methode” oder sogar die “Prinzipien der Wissenschaft” angeht: Mir scheint in diesen Worten ein – verzeih mir die Worte – naives und unreflektiertes Verständnis aufzuscheinen, wie es immer noch von vielen Fachwissenschaftlern kolportiert wird. Das ist genau ein Beispiel dafür, dass diejenigen, auf denen du rumhackst, wesentlich besser die wissenschaftliche (in diesem Fall wissenschaftstheoretische) Diskussion kennen als du.

    Ich habe das Thema jetzt geraume Zeit behandelt, deswegen möchte ich es gerne beenden. Mein Appell an dich ist lediglich, nicht ideologischen Vorgaben, Phrasen oder Feindbilder aufzusitzen, wenn du schon darüber schreibst. Wenn man so will, ein Appell an deinen wissenschaftlichen Ethos.

    Abschliessend: Nein ich kein Kreationist, ich mag den Standpunkt nichtmals.