February 2006

Monatliches Archiv für February 2006.

Der Semmeltag

Heute ist in Schweden Semmeldagen, also Semmeltag. Semmeln sind aber nicht einfach nur Brötchen, sondern das hiesige Äquivalent zum Krapfen oder Berliner. Letztere bekommt man hier zwar auch und das ganze Jahr über, Semmeln werden aber nur an den Dienstagen rund um den heutigen gegessen, v.a. aber eben heute, dem Semmeltag.

Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Semmeln und Krapfen: Semmeln sind größer und sind auch nicht fittiert. Anstatt mit Marmelade sind sie mit Mandelmasse gefüllt, was den Nachteil hat, dass sie nach Marzipan schmecken. Außerdem ist der “Deckel” aufgeschnitten und richtig viel Sahne darunter. Da ich leider kein eigenes Bild einer Semmel habe, schaut sie Euch bei Google an.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Semmeltag gerade heute ist, denn morgen ist Aschermittwoch und die Fastenzeit beginnt. Da man sich heute also nochmal richtig den Magen vollhaut, heisst der Semmeltag auch “fetter Dienstag”, oder Fettisdag. Zum Glück ist meinens Wissens aber der christliche Ursprung des fetten Dienstag und damit des Semmelessens den Schweden ziemlich egal und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch nächsten Dienstag wieder Semmelesser antreffen wird. Manche sehen den Tag sogar als Beginn der Semmelsaison. :-)

Eels

Weil vorhin auf RP “Novocaine for the Soul” von den fantastischen Eels lief und jemand in den Kommentaren dazu darauf hinweist, dass es deren Videos im Netz gibt, hab ich mir seit langem mal wieder ein Musikvideo angesehen. Na gut, es waren zwei. Sehr schön, aber halt vor allem wegen der Musik. Deren neuestes Album gibt es übrigens auch auf EMusic, ohne DRM und so Gedöns. Über EMusic hab ich auch schonmal geschrieben. Nein, ich werde nicht von denen bezahlt. :-)

Der Deutschlandfunk hat seinen Stream im proprietären Real-Format eingestellt und durch das offene Format Ogg-Vorbis ersetzt. Sehr lobenswert, auch wenn ich (bisher?) kein Hörer des DLF bin. (via pro-linux)

Nebenbei: Die Filme zum Jubiläum der ZEIT habe ich bisher nicht unter Linux abspielen können. :-/

Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie schwer es zu sein scheint, das Prinzip von “freier Software” zu verstehen. Eine sehr nette Anekdote bei der Times (englisch) beschreibt, wie Raubkopier-Jäger in England nicht einsehen, warum jemand anders CDs mit Software von Mozilla verkaufen darf und das ganze legal ist.

Es ist aber in der Tat völlig in Ordnung, freie Software zu vertreiben und dafür Geld zu verlangen [1]. Das Geld wird dann eben nicht für die Software selbst bezahlt, sondern den Service, den der Verkäufer mit der Bereitstellung der Medien erbringt. Nicht jeder hat z.B. schnelles Internet, um sich alles herunterzuladen.

Die Aussage des “Trading Standards Department”

Wenn Mozilla den Verkauf von kopierten Versionen ihrer Software erlaube, wird es praktisch unmöglich für uns, britische Anti-Raubkopier-Gesetze durchzusetzen [...].

(Übersetzung von mir)

ist einfach nur lächerlich. Oh nein! Da verschenkt jemand seine Software! Ich dachte eingentlich, dass freie Software mittlerweile in so vielen Bereichen vorkommt, dass solche Unkenntnis ausstirbt — zumindest bei Leuten, die sich beruflich mit lizenzrechlichen Fragen beschäftigen.

[1] Es mag im Einzelfall auf die jeweilige Lizenz ankommen, ist aber zumindest für die “übliche” GPL richtig.

(via netzpolitik und slashdot)

Schon vor längerem fiel mir der Artikel Unsere Milchstraße, eine Galaxie mit noch vielen Geheimnissen auf Telepolis (TP) als schlechtes Beispiel für populärwissenschaftliche Darstellungen auf. Ich möchte hier kurz erklären, warum.

Man hat also den Abstand zum nächsten Spiralarm in unserer Galaxie, der Milchstraße, gemessen und TP schreibt:

Das Ergebnis beträgt 1,95 ± 0,04 Kiloparsec (1 Parsec sind 3,26 Lichtjahre, also die Entfernung, die das Licht in 3,26 Jahren zurücklegen kann, dies entspricht etwa 31 Billionen Kilometer), alternativ können wir das Ergebnis auch so angeben: 5,86×1016 Kilometer.

Wie verwirrend für den Laien! Drei verschiedene Einheiten für die gleiche Strecke, wobei es dem Leser sogar überlassen wird, selbst umzurechnen. Ausserdem ist es unnötig, in einem solchen Text die Fehlergrenzen anzugeben, und die Schreibweise in Zehnerpotenzen ist (leider) auch nicht jedem geläufig. Schaut man in den Originalartikel von Science, so kann man erahnen, dass einfach eine Angabe dort übersetzt wurde und nachträglich die Klammer mit der Erklärung des Lichtjahres eingefügt wurde.

Die dazu verwendete Methode wird als “trigonometrische Parallaxe” bezeichnet. Dieses Ergebnis löst eine lang anhaltende Diskrepanz zwischen zwei unterschiedlichen Techniken zur Bestimmung von Abmessungen und Abständen. Während sich die Erde auf ihrer “Himmelsbahn” um die Sonne von der einen Seite des Orbits zu anderen Seite bewegt, verschieben sich nahe gelegene Sterne vor dem entfernten Hintergrund, ein Effekt, der Parallaxe genannt wird.

Der erste Satz hier vergibt nur einen Namen, ohne ihn zu erklären. Der zweite bezieht sich schon auf die Interpretation des Ergebnisses, die später kommt, und steht damit zwischen dem Begriff Parallaxe und dessen Erklärung im letzten Satz hier. Und die Erklärung selbst ist wiederum unzufriedenstellend und verwendet unnötige Verkomplizierungen wie “Himmelsbahn” oder “Orbit”.

Nachem also halbwegs erklärt wurde, wie man diesen Abstand gemessen hat, folgt:

Mit der Feststellung des genauen Abstandes können die Forscher nun aufzeigen, dass sich der Sternencluster W3OH in einer Art und Weise bewegt, der über die einfache Rotation der Milchstraße zu ihrem Zentrum hinausgeht und mit der “spiral density-wave theory” (= spiralenförmigen Dichtewellentheorie) übereinstimmt.

Ich weiss, es ist kleinlich, aber sprachliche Fehler tragen zum Unverständnis bei. Wie wäre es mit “Art und Weise, die über die einfache Rotation der Milchstraße um ihr Zentrum hinausgeht”? Bei der “spiralenförmigen Dichtewellentheorie” musste ich dann zum ersten Mal wirklich auflachen. Es ist nicht nur falsch übersetzt (die Dichtewelle ist spiralförmig, nicht die Theorie), sondern wird auch noch ohne Erläuterung in den Raum geworfen. Ein Satz darüber, dass die Spiralarme durch eine Dichtewelle in der Galaxienscheibe entstehen, hätte gereicht.

Es geht weiter mit einem erneuten Versuch, die Parallaxe zu erklären – unglaublich schlechte Struktur des Artikels. Zum Abschluss wird dann noch die Genauigkeit der Messung mit “0.01 mas” angegeben, ohne die Einheit zu definieren oder gar zu sagen, dass das etwa 3 Milliardstel Grad (Winkel, nicht Temperatur) entspricht. Es wird auch nicht erwähnt, dass dieser Winkel sich direkt in die am Anfang angegebende Entferung umrechnen lässt.

Wie man vielleicht gemerkt hat, fand ich den Artikel schrecklich und lieblos zusammengestückelt. Ich weiss, dass es sehr schwer ist, Forschungsergebnisse allgemeinverständlich wiederzugeben, aber in diesem Fall ist es wirklich gründlich danebengegangen und ich wage sogar zu behaupten, dass solche Artikel mehr schaden als nützen.

Um dem Einwand “Mach es doch besser!” zuvorzukommen, hier meine Version zum Thema: Mit Hilfe von über die ganze Erde verteilten Radioteleskopen hat man die Positionen von einer Gruppe von Sternen sehr genau bestimmt und über einen längeren Zeitraum beobachtet. Da sich die Erde um die Sonne bewegt, sieht man die Sterne nach einem halben Jahr aus einem anderen Winkel und sie verändern daher scheinbar ihre Position. Aus dieser Änderung kann man den Abstand zu diesen Sternen bestimmen. Durch die verbesserte Genauigkeit der Messung ist es möglich, die Dichtewellentheorie zu testen, welche besagt, dass die Spiralarme in Galaxien aus Dichteveränderungen entstehen, die sich wellenförmig durch die Galaxienscheibe fortpflanzen.

Da befasst sich einmal jemand mit einem kleinen Artikel, den man geschrieben hat, und prompt wird man als ‘’billig’’ bezeichnet. :-)

Mag ja sogar sein, schließlich war der Anspruch keineswegs, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Allerdings wird da behauptet, ich

[erkläre] eingangs ersteinmal jede, die die Bibel für die Worte einer höheren Macht hält, zur Fundamentalistin, die sich rationalen Argumenten verschliesst [...], um dann mit ein paar Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie” aufzuwarten, die zumindest diese Herren und Damen von der kreationistischen Front zurecht eher wenig beindrucken dürfte.

Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen und deshalb in aller Kürze hier ein paar Einwände:

  • Keineswegs erkläre ich Leute zu Fundamentalisten. Da werden beim freien Zitieren zwei Sätze miteinander verwurstelt. Aber richtig ist und dabei bleibe ich, dass sich rationalen Argumenten verschließt, wer ein Buch für gottgegeben hält. Nicht notwendigerweise in allen Bereichen, aber eben mindestens, wenn es um die Herkunft des Buches geht.

  • Zu den Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie”: Sprache ist wichtig, auch für die Wissenschaft, denn sie ist unsere einzige Möglichkeit, Wissen weiterzugeben. Gerade deshalb muss man achtgeben, Begriffe zu klären, insbesondere, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrundswissen kommunizieren. Außerdem ging es mir nur darum, das eine Argument, das auf der Ausnutzung eines sprachlichen Unterschieds beruht und das im erwähnten Vorfall von der Diskussion um Evolution auf die Astronomie überschwappte, als wirklichen Allgemeinplatz zu entlarven.

  • Dass es weitere Argumente gibt, die oben genannte Herren vielleicht mehr beindrucken, kann schon sein, spielt aber keine Rolle, denn nichts lag mir ferner, als Kreationisten beindrucken zu wollen. Das ist doch der zentrale Punkt: Es tötet jede Diskussion, wenn jemand sagt “Es steht so in der Bibel, also ist es wahr”. Wenn jemand davon überzeugt ist, machen rationale Argumente eben keinen Eindruck mehr.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum eigentlichen Text von Julio Lambing. Es wird zum einen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft angeschnitten und ich möchte insofern widersprechen, dass die Menschen (zumindest die, die in Demokratien leben) sehr wohl Einfluss darauf haben, was erforscht wird. Denn es sind ihre Steuergelder, die zum Großteil die Grundlagenforschung finanzieren, und über die üblichen Mittel der Politik und Geldverteilung wird eben auch die Wissenschaft gesteuert.

Wissenschaft als Religion ist ein weiteres Thema und ich stimme völlig überein damit, dass Wissenschaft für viele den Status einer Religion einnimmt und Menschen dementsprechende Verhaltensweisen zeigen. Eine “Desakralisierung” der Wissenschaft zu fordern ist richtig, aber umsomehr muss man dabei darauf achten, eine vehemente Verteidigung der wissenschaftlichen Methode nicht als religiöse Agitation zu werten. Denn selbst wenn man Wissenschaft als Religion betrachtet, weist sie doch einen essentiellen Unterscheid zu allen anderen auf: Wenn man allen idelogischen und dogmatischen Überbau wegwirft, bleibt bei ihr als einziger etwas übrig. Sie funktioniert nämlich.

Mikael Niemis Buch “Populärmusik från Vittula” ist eines der (leider nicht sehr zahlreichen) Bücher, die ich auf schwedisch gelesen habe. Tolles Buch! Es beschreibt in sehr unterhaltsamer und witziger Weise das Aufwachsen im äußersten Norden Schwedens, Norrland, und beinhaltet neben Seitenhieben auf die Hinterwäldler auch tragische und bizarre Elemente. Der Film zum Buch kam hier 2004 in die Kinos und wenn ich mich recht erinnere, war er sehr sehenswert, obwohl zentrale Elemente des Buchs ausgelassen wurden. Jetzt ist er in den deutschen Kinos zu sehen und ich wünsche allen viel Spass dabei. (via Spreeblick)

Bleiben wir doch ein wenig beim Thema Karikaturen. BoingBoing erwähnt alte Nazi-Karikaturen von Boris Artzybasheff: eins, zwei und drei. Ich finde die richtig gut! Leider finde ich sie auf der angegebenen Quelle nicht wieder und weiß daher das Jahr des Erscheinens nicht.

Ich habe meine Meinung gesagt, aber andere können das noch ausführlicher: Die ZEIT widment sich dem Thema in der Printausgabe vom letzten Donnerstag. Der Artikel ist auch online zu lesen und beleuchtet sachlich die Hintergründe. Gero von Randow widmet sich dem Thema Religion, Aufklärung und Spott und es gibt auch einen Diskussionsbereich mit derzeit über 550 Kommentaren.

Wenn man einige der hier abgegebenen Kommentare liest, wird einem auch bewusst, dass Islamophobie keine leere Worthülse ist.

Nachtrag: Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten hat soeben einen sehr lesenswerten Beitrag zur Diskussion veröffentlicht und ruft darin auf, die kirchlichen Priviliegien und den Zensurparagraphen (166 StGB) abzuschaffen.

2. Nachtrag: Noch einmal der Kosmoblog zum “Aufruhr” in der islamischen Welt:

Der geringe Mobilisierungsgrad selbst in Ländern, in denen die Regierung die Stimmung anzuheizen sucht – wie im Iran – , lässt sich auch als eine klare Absage an einen Kampf der Kulturen verstehen.

und über Liberalismus versus Islamismus.

« Ältere Beiträge