December 2005

Monatliches Archiv für December 2005.

Gelegentlich hört man davon, dass große Fortschritte in der Altersforschung gemacht werden. Eine grosse Debatte darüber habe ich bisher aber nicht bemerkt. Dieser Artikel (auf englisch) diskutiert verschiedene Argumente, die man gegen ein medizinisches Ausschalten des Alterns vorbringen könnte.

Zurecht widerlegt der Autor die gängigsten Einwände und stellt klar, worum es eigentlich geht, nämlich nicht darum, wie bisher das Leben zu verlängern, indem die mit dem Alter auftretenden Schwächen und Krankheiten bekämpft werden, sondern wirklich um “ewige Jugend”. Der alte Menschheitstraum also, der auch oft genug als Fluch dargestellt wird. Natürlich gäbe es weiterhin Tod durch Unfall und bisher unheilbare Krankheiten. Außerdem wäre keiner gezwungen, sein Leben zu verlängern und Selbstmord ist sowieso immer der letzte Ausweg.

Aber mal ehrlich: In Anbetracht wie sehr heute schon versucht wird, Gedanken an den Tod zu vermeiden, bin ich sicher, dass ein Großteil der Menschen nicht nein sagen würde zu dem Angebot, viel länger als bisher zu leben. Obwohl ich keineswegs die Zeitspanne beurteilen kann, wielange es noch dauert bis man sich diese Frage wirklich zu stellen hat, kann man doch über die eventuellen Konsequenzen spekulieren.

Die enormen gesellschaftlichen Konsequenzen, die ein massenhafter Zugang zu solcher Medizin hätte, lassen sich recht leicht ausmalen und reichen von Überbevölkerung bis zum Umstoßen jeglicher Rentensysteme. Allerdings wird nicht von heute auf morgen die Weltbevölkerung unsterblich werden, sondern es wird – wenn überhaupt – ein langsamer Prozess sein, bei dem natürlich die Reichen die ersten Nutznießer sein werden, so wie bei so vielen anderen medizinischen Errungenschaften auch. Das bedeutet aber auch, dass Zeit bleibt, die damit auftretenden Probleme zu lösen und ich stimme dem Autor zu in der Aussage, dass es offen ist, ob die gesellschaftlichen Veränderungen zum bösen oder zum guten gereichen.

Einen Einwand möchte ich aber dem sehr optimistischen Text entgegenhalten: Der Tod ist keine Krankheit, die es notwendigerweise zu heilen gilt, sondern ein evolutionäres Erfolgsrezept. Ohne den Tod wären wir nicht hier und es ist unbestreitbar, dass der Tod und der daraus sich ergebende Generationenwechsel grosse Vorteile mit sich bringen, wenn man die Anpassungsfähigkeit aller “höheren” Spezies betrachtet. Ich glaube man geht nicht einmal zu weit, wenn man behauptet, dass der Tod eine Voraussetzung für höheres Leben ist. Somit ist er eine der erfolgreichsten Erfindungen, die sich im Laufe der Evolution gebildet haben. Den Tod auszuschalten hieße, die evolutionären Faktoren der Spezies Mensch auszuschalten und dies kann man wohl nur gutheißen, wenn man den Menschen schon als “gut genug” erachtet. Andererseits ginge es nicht um ein wirkliches “Ausschalten” des Todes sondern vielmehr um einen Aufschub (s.o.) und damit nur um eine Verlangsamung des menschlichen Generationenwechsels. Warum also eigentlich nicht?

Heißt das, wenn ich nur erfolgreich und reich genug werde, kann ich 200 Jahre oder noch älter werden? Endlich ein Anreiz! ;-)

Eine der ursprünglichen Ideen mit Blogressiv war, Film- und Musikkritiken zu schreiben – daher das “Kunst” im Titel. Es gibt zwar schon ein wenig über Musik, aber das ist eher Sekundärinformation und -diskussion. Da es schwer ist, Kritiken zu schreiben, die über ein bloßes “Gefällt mir (nicht)!” hinausgehen, möchte ich ebendies tun.

Zuerst will ich aber auf meine neueste Quelle für Musik aufmerksam machen: http://www.emusic.com/. Das ist ein Abo-Dienst, wie schon einmal diskutiert, allerdings ohne Einschränkungen durch DRM. Für einen festen Betrag pro Monat kann man eine feste Anzahl von Liedern als MP3 in guter Qualität (variable Bitrate mit Median 192kbit/s) herunterladen. Man erhält 50 Lieder gratis beim registrieren und danach gilt einer der Subscription Plans.

Man zahlt je nach Menge zwischen 22 und 25 US-Cent (18 bis 21 Euro-Cent) pro Lied. Das macht gut 3 Euro für ein Album mit 15 Liedern und ich finde das einen guten Preis. Ja, das Angebot ist legal und die Künstler und Plattenlabels bekommen ihren Anteil. Da letztere aber ihre Zugpferde, die das große Geld bringen, aus Angst vor Raubkopierern nur über Läden mit DRM-Einschränkung vertreiben (z.B. Apples iTunes), findet man diese nicht auf eMusic. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf unabhängigen Artisten und Labels. Das Archiv ist mit 1 000 000 Liedern groß genug zum stöbern und regelmäßige Artikel und Tipps helfen bei der Orientierung. Mehr darüber, was eMusic ausmacht, findet man in der FAQ.

Ich bin erst seit kurzem Mitglied aber finde es gut. V.a. bin ich gerne bereit, zu fairen Bedingungen für Musik zu bezahlen und somit zum Erfolg des Geschäftsmodells beizutragen. Es ist einfach viel sympathischer, in einem Laden einzukaufen, wo man dem Kunden vertraut, anstatt ihn zu gängeln. Man kann einmal heruntergeladene Dateien bei Verlust kostenlos und beliebig oft wieder herunterladen. Außerdem bieten sie auch eine Download-Software an, die das speichern von ganzen Alben erleichtert und erlaubt, die Dateien automatisch so zu benennen, wie man möchte. Und es gibt sie nicht nur für Windows, sondern auch für Linux und MacOS.

Bisher habe ich folgendes gekauft:

  • Das Album Funeral von Arcade Fire. Sehr empfehlenswertes Rock/Pop Album von 2004, das ich recht häufig höre.

  • Das Lied Colorblind von Chroma Key. Neu und gut! Leider ist nur die Single auf eMusic.

  • Das Album Solarized vom ehemaligen Sänger der Stone Roses, Ian Brown. Auch sehr gut mit hohem Wiedererkennungswert. Wirklich zu empfehlen!

  • Das Album Devil’s Night Out von den Ska-Meistern Mighty Mighty Bosstones. Ich kannte das neuere Pay Attention schon länger und wollte das angeblich gröbere Frühwerk kennenlernen. Ich habe es leider erst wenige Male und kaum aufmerksam gehört, aber Fehlkauf war es sicherlich keiner.

  • The Best of Miles Davis. Tja, was soll ich sagen – ich bin recht unwissend was Jazz angeht und irgendwo muss man ja anfangen. Ich höre es sehr gerne, auch wenn es oft meine Konzentration völlig fängt und kaum parallele Tätigkeiten erlaubt :-)

  • Genius Loves Company von Ray Charles. Tolle Duette mit anderen Musikgrößen. Ich muss mir auch endlich den Film “Ray” ansehen.

  • Die Symphonies No 2 and 3 von Phillip Glass. Moderne Klassik.

Es gibt also durchaus auch Musik von bekannten Interpreten (u.a. auch von den Eels oder Sufjan Stevens) auf eMusic und ich kann jedem des Englischen mächtigen empfehlen, das kostenlose zweiwöchige Probeabo mit 50 Liedern auszuprobieren.

Der Engländer und diesjährige Literaturnobelpreisträger Harold Pinter griff in seiner Rede vom Mittwoch (auch auf deutsch) das „weitverzweigte Lügengespinst“ das die Aussenpolitik der USA nach dem zweiten Weltkrieg umgibt. Er geht auf Sprache und den Wahrheitsbegriff in Literatur und Politik ein und stellt diese in Gegensatz zueinander. Er nennt Nicaragua und den Irak als Beispiele für eine systematische Politik der „full spectrum dominance“ und bietet sich gegen Ende als Redeschreiber für G. W. Bush an:

„Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut. Bin Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse, wenn er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren. Wir hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So wie Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewählte Anführer einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine barmherzige Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem elektrischen Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine große Nation. Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer. Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische Autorität. Seht ihr diese Faust? Das ist meine moralische Autorität. Und vergesst das bloß nicht.“

Auch wenn ich normalerweise etwas skeptisch gegenüber Amerika-Bashern bin, fand ich diese Rede ist sehr lesens- und sehenswert. Sie ist auch als Videoaufzeichnung erhältlich und die 45 Minuten allemal wert.

Ekelfleisch

Ist das nicht ein tolles Wort? Wieder einmal gibt es also einen Lebensmittelskandal in Deutschland. Der Grund? Geld natürlich. Anstatt gleich wieder pauschal die Auswüchse des Kapitalismus zu beklangen, kann man auch konkrete Gründe angeben: abgesehen von mangelnden Kontrollen und vielleicht sogar dem einen oder anderen skrupellosen Geschäftemacher ist es der harte Preisdruck im Lebensmittelgeschäft.

Mit anderen Worten: Die mangelnde Bereitschaft der Kunden, für gutes Essen gutes Geld auszugeben. Prinzipiell will ich daher Seehofers Aussage zustimmen, auch wenn “Geiz” vielleicht das falsche Wort ist. Ich denke es ist eher ein unterentwickeltes Bewusstsein, dass gutes Essen ein Luxus ist, in den es sich zu investieren lohnt.

Ein Großteil der Bevölkerung muss doch nicht auf jeden Euro achten und gibt Umengen an Geld für andere Luxusgüter aus, seien es Autos oder Unterhaltungseletronik. Trotzdem geht man zu Lidl oder Aldi zum Einkaufen, weil es eben doch noch etwas billiger ist und essen eben so billig wie möglich sein soll. Und das, obwohl die Preise für Lebensmitttel in Deutschland im allgemeinen wirklich nicht hoch sind. Der Preiskampf geht nicht nur auf Kosten der Angestellten sondern wird eben an Lebensmittelproduzenten weitergegeben, oft mit der “Messer auf die Brust” -Methode.

Also: Meidet Discounter und kauft beim Laden um die Ecke, solange es ihn noch gibt. Kauft Öko-Produkte, am besten von regionalen Erzeugern. Lasst euch euer Essen etwas kosten – es ist ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität.

Der Bürgerwille. So werden Wahlausgänge ja oft interpretiert, auch der letzte. Man ließt dann auch allenthalben solche Sätze wie

Der Bürger hat die Parteien abgestraft.

oder

Die Wähler wollten die große Koalition.

So ein Blödsinn. Die Leute haben sich doch nicht gesagt “Oh, die SPD mag ich nichtmehr, aber die CDU auch nicht wirklich, also geb ich beiden 35%, so dass keiner ohne den andern regieren kann”. Nein, es gibt nun einmal wirklich Anhänger der jeweiligen Parteien und die wollen eben jeweils “ihrer” Partei zum Wahlsieg verhelfen. Das Ergebnis als den Willen eines Volkes zu interpretieren, in dem sich alle einig sind und das genau diesen Ausgang wollte, ist nichts weiter als rhetorischer Mumpitz. Zuletzt gesehen in der Zeit.