November 2005

Monatliches Archiv für November 2005.

Kaum hat man die in Stockholm geplante Verkehrsüberwachung durch automatische Nummernschilderkennung kritisiert, da erfährt man, dass die neue deutsche Regierung, allen voran der Innenminister, die Daten der Mautbrücken nun auch zur Verbrechensbekämpfung verwenden will. Es lassen sich ja auch immer konkrete Fallbeispiele finden, wo dies nütlich wäre, sei es ein tragischer Unfall mit Fahrerflucht oder einfach nur Fahrzeugdiebstahl.

Dass bei einem bestehenden System, das zwar zu einem anderen Zweck erdacht und gebaut wurde, aber die Möglichkeit zur Überwachung bietet, Begehrlichkeiten seitens der Polizei entstehen, ist durchaus nachzuvollziehen. Im Einzelfall mag es sogar einleuchten und die Motive sind ja auch nicht böswillig, sondern wohlmeinend. Wenn man allerdings den Einzelfall außer Acht lässt und sich die prinzipielle Logik vor Augen führt, entsteht ein anderes Bild.

Zuallererst: es ist technisch in nicht ferner Zukunft möglich, allen Strassenverkehr per Nummernschilderkennung aufzuzeichnen. Zweifelsohne könnten damit mehr Verbrechen aufgeklärt werden. Gleiches gilt ohne weiteres für Gesichter. Viele öffentliche Plätze werden schon heute mit Kameras überwacht und deren weitere Verbreitung in Kombination mit schon heute möglicher computergesteuerter Gesichtserkennung wird wiederum dazu beitragen, dass mehr Verbrechen aufgeklärt werden. Erst recht, wenn man mit dem elektronischen Pass schon ein Vergleichsbild zur Verfügung hat.

Man wird also bald jedem Menschen auf Schritt und Tritt folgen können und die Welt wird sicherer sein, und ausserdem: wer nichts zu verbergen hat, hat doch nichts zu beklagen. Oder?

Referenzen zu Orwells “1984” mögen abgedroschen klingen, sind jedoch unvermeidlich. Die schlimmste anzunehmende Entwicklung wäre wohl, wenn das Buch irgendwann keinen Schauder mehr ausöst, sondern die dortigen Verhältnisse nur noch als “etwas übertrieben” wahrgenommen werden.

Da ich denke, dass der Trend zu wachsenden technischen Überwachungsmöglichkeiten nicht umkehrbar ist, stellen sich folgende Fragen:


  • Welche Daten werden erfasst?

  • Was wird in Echtzeit daraus ausgewertet?

  • Was wird gespeichert und wielange?

  • Mit welchen anderen Daten wird Information verknüpft?

  • Wer hat Zugriff auf die Daten und welche Begründung ist für den Zugriff notwendig?

Gute Antworten auf diese Fragen, die die im Grundgesetz verankerte informationelle Selbstbestimmung gewährleisten, können einen Missbrauch verhindern, v.a. aber müssen die Antworten öffentlich bekannt sein.

Schreckensszenarien kann man sich viele ausdenken (“So, Sie waren also letztes Jahr auf der Gewerkschaftsdemo und wollen jetzt hier arbeiten, ja?”) und ich bin davon überzeugt, dass verstärkte Kontrolle katastrophale Folgen für die Zivilgesellschaft haben kann. Deshalb müssen die Antworten auf obige Fragen überdacht und Regeln geschaffen werden, die der schleichenden Erschaffung des Großen Bruders entgegenwirken.

Kirchenaustritt

Es wird ja mal Zeit. Warum ich nicht schon lange aus der Kirche ausgetreten bin, kann ich nicht so recht sagen, aber ich bin noch Mitglied der katholischen Kirche. Die neueste Veröffentlichung des Vatikan stellt zwar beileibe nicht den einzigen Grund für einen Austritt dar, aber allemal einen sehr guten Anlass, es endlich zu tun.

Bei der Recherche, wie ein Austritt eigentlich vor sich geht, bin ich auf die Austritts-FAQ des IBKA gestoßen, des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (e.V.). Deren Seiten enthalten übrigens allerlei interessante Informationen, z.B. wozu die Kirchensteuer wirklich verwendet wird, oder dass der Kirche den Staat viel Geld kostet und dass es mit dem Säkularismus in Deutschland nicht so weit her ist.

Ich las dort also, dass das Standesamt zuständig ist und folglich kontaktierte ich das Standesamt in Leidersbach, wo mein letzter gemeldeter Wohnsitz war bevor ich endgültig nach Schweden zog. Dort erfuhr ich, welche Informationen nötig sind (notariell beglaubigte Erklärung!), allerdings auch, dass sie da nicht zuständig seien, da ich ja keinen Wohnsitz dort mehr habe. Stattdessen sei der Vorgang über das Standesamt München abzuwickeln. Auch dorthin schrieb ich eine Anfrage und erhielt wiederum erklärt, was zu tun sei (Beglaubigung durch die hiesige deutsche Botschaft!).

Es wurde aber auch erwähnt, dass sie in München nur zuständig seien, wenn ich auch in Bayern kirchensteuerpflichtig bin. Bin ich aber natürlich nicht, ich zahle schliesslich nur in Schweden Steuern. Auf Nachfrage erhielt ich soeben die eindeutige Antwort

Wenn Sie nicht aktuell in Bayern kirchensteuerpflichtig sind, kann hier kein Kirchenaustritt entgegen genommen werden. Selbstverständlich können Sie in Schweden, nach dortigem Recht, den Kirchenaustritt erklären. Dieser ist jedoch nicht in Deutschland wirksam.

Ich kann also nicht aus der Kirche austreten! Eine bodenlose Frechheit, denn ich werde sicherlich noch in diversen Registern und Statistiken als Katholik geführt. Ich kann nicht einmal dem IBKA als ordentliches Mitglied beitreten, denn ich gehöre ja noch einer Religionsgemeinschaft an. So einfach werde ich mich aber nicht geschlagen geben. Ich werde mich weiter schlau machen und nicht eher ruhen, bis ich ein Austrittszertifikat in den Händen halte…

Hier in Schweden, genauer gesagt in Stockholm, soll in Kürze eine neue Ballungsraum-Steuer für Autofahrer eingeführt werden. Der Transitverkehr soll kostenlos bleiben, aber an bestimmten Einfahrtstellen in die Innenstadt sind Kameras aufgestellt, die Nummernschilder lesen können.

Die Debatte hier dreht sich meines Wissens nach um rein praktische Dinge, denn das System soll sehr unkomfortabel sein. Die Preise sollen davon abhängen, wann und wo man in die Stadt fährt und man soll selbst daran denken, jede Fahrt (!) rechtzeitig innerhalb von wenigen Tagen zu bezahlen, oder gleich einen Transponder in sein Auto einbauen.

Prinzipiell habe ich wohl nichts gegen eine City-Maut, um Autos aus der Stadt fernzuhalten – in London scheint es ja gut zu funktionieren. Gleicheitig müssen aber Alternativen beitstehen, also öffentliche Verkehsmittel. Diese sind meiner Meinung nach nicht schlecht in Stockholm, aber werden wohl z.Zt. eher ab- als aufgebaut.

Der eigentliche Grund, warum ich all das erwähne, ist der Überwachungsaspekt. Eine zentrale Stelle hat plötzlich orts- und zeitgebundene Daten zu Personen und kann damit Bewegungsprofile erstellen. Da hier in Schweden das Öffentlichkeitsprinzip gilt und man von jedem Bürger einsehen kann, wieviele Steuern er zahlt, wird auch in diesem Fall der Betrag, das Datum und das Nummernschild öffentlich werden. Der Zeitpunkt des Passierens eines Kontrollpunktes und der Ort desselben bleiben nichtöffentlich. Auf den entprechenden Seiten findet sich aber keine Information, wie lange die Daten gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat. Schon hat die Polizei die Daten aus diversen Tests angefragt…

Zum Glück fahre ich immer mit dem Zug nach Stockholm.

Telepolis berichtet über die International Weblog-Awards und den Sieger, eine spanischsprachige fiktive Fortsetzungsgeschichte. Auf deren Seite findet sich auch eine kurze Selbstdarstellung auf rührend gebrochenem Deutsch:

Mehr Respekt, ich bin deine Mutter ist ein Blogroman von mehr als 200 Kapiteln, der online seit September 2003 veröffentlicht wird. Er erklärt die Geschichte einer argentinischen Familie, das Bertotti, in einer humourous Weise. Der Erzähler ist Mirta, eine Hausfrau, die in Mercedes geboren ist das ihren Ehemann, ihren drugaddict Schwiegervater und ihre drei Jugendsöhne beschäftigen muß. Das weblog, geschrieben von Hernan Casciari und von Bernardo Erlich veranschaulicht, ist im Buchformat im Oktober von 2005 von Plaza & Janes in Spanien veröffentlicht worden und wird auch in lateinischem Amerika im April von 2006 von Ed. Sudamericana veröffentlicht werden. November 21, 2005, “Mehr Respekt, ich bin deine Mutter“ wurde gewählt durch die internationale Presse wie bestes Weblog der Welt.

Standpunkte

Von wo aus soll man gewaltige Felsen, hohe Türme, Wolkenkratzer betrachten, um einen möglichst guten Eindruck dieser geschätzten Eigenschaft zu bekommen? Von oben?? Wo so etwas steht, rast jeder sofort unter körperlichem und monetärem Einsatz oben rauf, macht Fotos, lässt sich wieder herab und geht. Alle anderen Punkte als die Spitze sind nur lästige “da oben wollen wir hin!”-Zwischenstationen.

Das Lustige ist nun: die Spitze ist der Punkt, von dem man (außer vielleicht vom Inneren aus) am wenigsten des ach so bewunderten Objektes sieht. Man sieht es aus der gesamten Umgebung, nur halt nicht von seiner Spitze aus. Dafür sieht es da aus wie von jeder anderen erhöhten Position auch: kleine Menschen, Spielzeugautos, kleine Häuser, im Dunst verschwindendes Drumrum, alles schon mal gesehen. Und windig ist es.

Was man dagegen verpaßt: das, was den Giganten zu dem macht, was er ist, die innere Struktur, die Kraftflüsse, die geniale Leistung des Baumeisters, die Fragilität der Konstruktion, den Eindruck von Gewaltigkeit, das sich klein Fühlen, den Materialeinsatz, die Kosten, den technischen Stand.

Vielleicht ist es wie beim Anblick einer laufenden Maschine, eines Rasenmähers, eines Getriebes, man ist versucht, die Hand dahin zu strecken, wo sich das Geschehen visuell konzentriert, wo jeder hinsieht. Man will Teil des bewunderten grossen Ganzen sein. Nur, dass im letzteren Fall die Vernunft meist die Oberhand bewahrt.

Wortspiele

Die c’t schreibt in der aktuellen Ausgabe:

So manchem Dudenunzianten wird das karglistige Mannoevre des René Gisler albklug vorkommen. Vor vier Jahren hat es der Schweizer Künstler und Webdesigner in dem Wörterbuch „Der Enzyklop“ versammelt, einer wirrklichen Wortspielwiese mit querkenntnisreichen Faseltenheiten. Das Projekt war damit aber nicht beendet, die Schreibwaise treibt weiter Schäferkel durch die Wortschaft. Auf enzyklop.org kann jeder Spitzen- und Breitenwortler das humoriginelle Wortiment entengen. Dort wird beispielsweise ersichtlich, dass Haare am besten mit einer Epileptiergräte entbeint werden.

Wortspiele sind lustig, vor allem wenn man selbst eher bescheidene Fähigkeiten dazu hat. Ich finde allerdings, dass der Reiz, durch die Sammlung zu stöbern, nach anfänglicher Euphorie recht schnell verfliegt und dass ein ganzes Lexikon damit doch eher unter “sinnlose Geschenke” einzuordnen ist.

Digitale Rechteverwaltung (Digital Rights Management, DRM) ist auf dem Vormarsch. Das Prinzip ist einfach: Musikdateien werden verschlüsselt, und können nur benutzt werden, wenn die Abspielsoftware oder das Gerät sich über einen Schlüsselserver im Internet vergewissert, dass man auch wirklich das Recht dazu hat. Man erwirbt also nicht mehr die Musik (oder bald auch Filme) selbst, sondern das “Recht”, sie auf gewisse Weise zu nutzen. Wie genau die Bedingungen aussehen, hängt vom Anbieter ab. Weil man meist die Musik nicht mehr auf beliebig vielen Rechnern abspielen kann und weiteren Einschränkungen im Vergleich zur CD unterliegt, die man selbst zu mp3 oder ogg komprimieren kann, wird DRM auch gerne als Digital Restriction Management gedeutet, also Digitale Einschränkungsverwaltung. Weitere Kritikpunkte sind die mangelnde Interoperabilität, das Fehlen von offenen Standards oder die völlige Unsicherheit, ob die Dateien nach einem Computertausch oder nach einigen Jahren noch funktionieren. Mehr dazu findet sich in der Wikipedia.

Obwohl ich zu diesen Bedingungen nie Musik “kaufen” werde, möchte ich hier argumentieren, dass es durchaus sinnvolle Anwendungsmodelle für DRM geben kann. Grundvoraussetzung ist meiner Meinung nach die Offenheit des Systems, so dass es in beliebige Software und Abspielgeräte integriert werden kann, nicht nur in diejenigen der Inhalteanbieter. Es gibt Bestrebungen in diese Richtung, aber ein allgemein akzeptierter Standard ist nicht in Sicht.

Desweiteren spielt der Preis die entscheidende Rolle. Das gleiche Geld für Inhalte auf einem weniger beständigen und minderwertig nutzbaren Träger auszugeben ist nicht gerechtfertigt. Ein Beispiel für sinnvolles DRM sehe ich in dem Ersatz für Filmverleihe. Ich hätte nichts dagegen eine nur einmal (oder x-mal) abspielbare Datei zu erwerben und herunterzuladen, wenn der Preis eben nicht auf DVD-Niveau sondern auf Leihgebührniveau (1-3 €) läge. Der Kunde hätte nur Vorteile im Vergleich zum üblichen Verleih: kein Abholen, kein Zurückbringen, keine Zeitbindung, wann man den Film ansieht. Man löscht die Datei einfach nach Gebrauch. Wenn es dazu noch möglich wäre aus dem gesamten historischen Fundus an Filmen auszuwählen, wäre es alleine schon die Einfachheit und Auswahl Wert, Geld zu bezahlen und dieses Angebot diversen Tauschbörsen vorzuziehen.

Eine weitere Möglichkeit, DRM fair und sinnvoll zu nutzen, sind Musik-Abonnements. Ich wäre durchaus bereit, eine nicht unbeträchtliche monatliche Summe zu bezahlen, um dafür freien Zugriff auf alle je veröffentliche Musik zu erhalten. Das DRM könnte so gestaltet sein, dass einmal pro Monat die Dateien relizensiert werden müssen, also dass nachgeschaut wird, ob man sein Abonnement nicht gekündigt hat. Falls doch, verfielen die Musikdateien. Meinetwegen könnte es sogar eine maximale Albenzahl pro Monat geben, denn mehr als eine gewisse Menge neuer Musik verdaut man in der Regel sowieso nicht. In diesem Modell verlören wiederum die Dateien selbst ihren Wert, denn man könnte sie ja bei Verlust jederzeit neu herunterladen. Außerdem entfiele der Aufbau eines eigenen Musikarchives – man hat schon das größtmögliche zur Verfügung. Durch die fehlende ständige Überprüfung der Lizenz wäre auch das Überspielen auf portable Geräte oder das vorübergehende Weitergeben an Freunde kein Problem. Und wie bei Filmen wäre der einfache Zugriff auf ein gut sortiertes und großes Archiv ein Totschlagargument, mit dem keine Tauschbörse mithalten kann.

Schön und gut – es gibt meines Wissens aber leider keine solchen Angebote. Ich bin aber davon überzeugt, dass ich bei weitem nicht der einzige Interessent wäre und dass solche Modelle von Kunden akzeptiert würden. Außerdem wird man wohl noch träumen dürfen… :-)

Kaum jemand der damit vertraut ist, wird anzweifeln, dass das Internet eine wunderbare Sache ist. Der Erfolg des Internet beruht nicht zuletzt auf dessen Freiheit und dem Fehlen von stark einschränkenden Regeln. Dank der Überstaatlichkeit des Netzes ist es zum Glück auch heute noch schwierig, Einschränkungen durchzusetzen. Drüben auf netzpolitik.org wird ein Artikel kommentiert, in dem der Autor argumentiert, dass das Netz in dieser Form heute nicht mehr geschaffen werden könnte. Die verschiedensten Interessengruppen und Rechteinhaber würden mit einer Anwaltsarmee dafür sorgen, dass viel restriktivere Rahmenbedingungen und Kontrollmöglichkeiten durchgesetzt würden.

Da dies für alle Zukunftstechnologien gilt, wie wir ja schon sehr schön am Beispiel von DRM und den DVD-Nachfolgern beobachten können, kann ich dem Schlusswort nur zustimmen: Kein schöner Gedanke.

Ich bin überzeugter taz Leser und sogar Genossenschaftsmitglied. Der Artikel von Christian Füller, erschienen in der taz vom Dienstag, den 1. November 2004, hat mich jedoch zur Weißglut gebracht…

Ein Leserbrief:

Lieber Christian Füller, liebe taz,

im Artikel “Kultusminister wie die drei Affen”, erschienen am 1. November 2005, versucht ihr über die Auswertung der neuesten PISA-Studie zu berichten. Dies geht jedoch leider journalistisch massiv daneben:


Die deutschen Schulen sind ungerecht – und es wird immer ungerechter.

Die neueste Pisa-Veröffentlichung zeigt, dass die Schulen zwischen Konstanz und Kiel Bildungserfolg und Karrierechance zuvörderst nach dem überkommenen Prinzip von Herkunft verteilen. Vereinfacht gesagt: haben die Tochter einer Friseurin und die einer Ärztin den exakt gleichen Intelligenzquotienten und präsentieren sich im Unterricht gleich stark, dann hat dennoch die höhere Tochter eine viermal so hohe Chance, aufs
Gymnasium zu kommen. Bildung nach dem Standesprinzip.

Was Ihr da schreibt ist nicht nur journalistisch schlecht, da polemisch-populistisch, sondern in der Sache eklatant falsch. Die Selektion nach Herkunft ist sekundärer Natur. Es gibt keine Bildung nach einem Standesprinzip in dessen Folge die Tochter einer Friseurin bei gleichen Fähigkeiten schlechter wegkäme als die einer Ärztin. Tatsache jedoch und gleichzeitig das eigentliche Problem ist: Die Tochter einer Friseurin hat bei gleichen (biologischen) Grundvorraussetzung im Durchschnitt schlechtere Präsentationsfähigkeiten und Methodenkompetenz als die einer Ärztin!

Hier lohnt es sich nun, nach den Ursachen zu fragen. Die sind zweierlei Natur: Zum einen wird in der Schule nicht genug getan, um elternhausbedingte Unterschiede der Bildungsrahmenbedingungen auszugleichen und Kinder aus “bildungsfernen” Schichten geziehlt zu fördern. Zum anderen stehen wir vor einem tieferen gesamtgesellschaftlichen Problem: Wieso gelingt es der Politik nicht, die Bedeutung von Bildung als (einzig verbliebene, gar wachstumsbedingende) Ressource in das Bewusstsein der Gesamtgesellschaft zu hämmern? Es kann nicht sein, dass wir in jedem Kinderzimmer einen Fernseher, aber gleichzeitig Erstklässler mit dem Sprachniveau von Dreijährigen haben (Renate Künast). Selbst der Friseurin muss klar sein, dass letztlich Bildung – und sei es nur das kompetente Beherrschen der Sprache in Wort und Schrift – die wichtigste Zukunftsinvestition ist, die sie ihren Kindern mitgeben kann. Das vorherrschende Paradigma der Mittelmäßigkeit (bloß nicht auffallen, bloß kein Streber sein) muss durch eine positive Sicht von Bildung, dem Streben nach Wissen und akademischer Leistung im Bewusstsein der Menschen ersetzt werden. Nur dann können wir dorthin gelangen, wo etwa Frankreich, Schweden, Norwegen und Finnland schon lange sind. Dort gehen die Arbeiter in die Oper. Hier lesen sie Bild.

Herzlichst

Euer Christian

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