October 2005

Monatliches Archiv für October 2005.

Radio Paradise

Die ZEIT brachte im März einen Artikel “Rettet das Radio” und beklagt darin den Untergang der Musikvielfalt und Qualität im deutschen Radio. Es werden auch die positiven Ausreißer aus dem Einheitsgedudel genannt, etwa Radio Eins oder der Zündfunk des BR.

Obwohl ich selbst nicht genug über die deutsche Radiolandschaft weiß, um ein Urteil fällen zu können, möchte ich die Alternativen erwähnen, die Internet-Radios bieten. Insbesondere gibt es Sender, die völlig auf Werbung verzichten und sich über freiwillige Spenden der Hörer finanzieren. Ein solcher Sender ist Radio Paradise (RP). In der Box rechts sieht man, was jetzt gerade gespielt wird und die gesamte Playlist ist auf der Webseite verfügbar, zusammen mit den Kommentaren und Bewertungen der Hörer. Der Moderator (ja, es gibt nur einen) sagt nur sehr selten einen Satz über die Musik und es wird kein aufwändig recherchiertes Musik-Programm mit Hintergrundinformation geboten. Dieser Teil ist stattdessen auf die Homepage und die dortigen Seiten zu den Liedern ausgelagert – so bleibt die gesamte Sendezeit der Musik vorbehalten.

Nun zum eigentlich wichtigen, der Musik. Zuallererst muss man sagen, dass die Auswahl an Liedern die im Laufe eines Tages gespielt wird, sehr gross ist und es sehr wenige Wiederholungen gibt. Ausserdem werden die zu Tode gespielten “Rock Classics”, die jeder kennt, ausgelassen und stattdessen genreübergreifend durchweg interessante Musik gespielt. Eine Auswahl aus den Liedern mit den den höchsten Hörer-Bewertungen: Jimi Hendrix – All Along The Watchtower, Beatles – A Day In The Life, Pink Floyd – Shine On You Crazy Diamond, Jefferson Airplane – Embryonic Journey. Das sind natürlich bekannte und zurecht hochbewertete Stücke und sie bekommen auch die Zeit, in voller Länge gespielt zu werden, auch wenn dies machmal über 15 Minuten beansprucht.

Das eingentlich interessante an RP ist allerdings die Virtuosität, mit der verschiedene Musikrichtungen unter einen Hut gebracht werden und RPs Selbstdarstellung als “eclectic” (engl. “aus verschiedenen Quellen schöpfend”) trifft es durchaus. Es wird auch neue Musik gespielt und obwohl der Sender aus Paradise, Kalifornien, kommt (daher der Name) ist er nicht USA-zentriert. Es läuft Björk, Kent (auf schwedisch, obwohl Kent auch englische Versionen ihrer Lieder haben) oder 2Raumwohnung, von deren Erfolg daheim in Deutschland ich bis dato nichts wusste. Blues und Jazz gehören ebenso zum Repertoir und auch hier werden neben Größen wie Miles Davis weniger bekannte Artisten gespielt. Man wird oft überrascht, wie etwa von dem Schweden Peps Persson mit “Min Trollmoj Funkar” und dies macht sicher einen der Hauptgründe aus, warum ich bisher nicht müde geworden bin, RP zu hören.

Ich konnte hier natürlich nur einen kleinen Überblick geben, und meine Empfehlung ist deshalb einfach: Hört rein! Den Stream gibt es in guter Qualität und vielen Formaten. Zum Abschluss hier noch die Interpreten, die liefen, während ich diese Zeilen tippte: John Lee Hooker, Jimmie Vaughan, Aqualung, Mike Scott, Fleetwood Mac, Old 97s, KT Tunstall.

Verfolgungswahn?

Wie stark können heute die Bewegungen und Aktionen eines einzelnen nachverfolgt werden und inwieweit ist es noch möglich, anonym zu leben?

Zuallererst, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung gilt noch und es ist schlicht falsch, das Streben nach Privatsphäre und gegen Überwachung mit dem Totschlag-Argument abzutun, dass man doch nichts zu befürchten und zu verbergen hat, solange man nichts illegales tut. Mit diesem, leider nicht seltenen Ansatz ist man auf dem besten Weg zum gläsernen Bürger und zum Überwachungsstaat.

Was sind aber denn nun konkret die heutigen Datenspuren, die ein Normalbürger alltäglich hinterlässt? Transaktionen mit Kredit- und Bankkarten werden heute schon in Echtzeit überprüft und auf Unregelmäßigkeiten untersucht. Die starke Integration in den Alltag und der häufige Gebrauch führen dazu, dass im Prinzip jede Reise nachverfolgt werden kann. Inwieweit solche Daten gespeichert werden und ob staatliche Stellen darauf Zugriff haben ist mir zwar unbekannt, aber es würde mich wundern, wenn es keine Begehrlichkeiten in diese Richtung gäbe.

Soll man also auf die Annehmlichkeiten von Kreditkarten verzichten? Sehr wenige sind dazu bereit und hier zeigt sich eine, wenn nicht die Hauptgefahr für den Datenschutz: die Bequemlichkeit der Menschen und ihre schnelle Bereitschaft, ihre Daten preiszugeben. Das beste Beispiel für letzteres sind für mich immer noch die Payback- und ähnliche Rabattkarten. Bei jedem Einkauf legt man brav die Karte vor und bekommt dafür gewisse Rabatte. Dass der ganze Sinn dieser Karten darin besteht, Kundenprofile für Marktforschungen und Konsumentenverhalten zu erstellen, ist zu wenigen bewusst. Diese Daten sind Gold wert für Grosskonzerne und viele sind willig, für ein Taschengeld den Einblick in den Warenkorb zuzulassen.

Eine Steigerung dessen wird mit der baldigen Masseneinführung von RFID-Chips in alle Produkte kommen. Die Vorteile für Firmen z.B. in der Logistik sind sicher ein Berechtigungsgrund für die Verwendung der kontaktlos und auf gewisse Entfernung auslesbaren Chips. Dass diese aber intakt und auslesbar bleiben, nachdem die Ware beim Verbraucher angekommen ist, ist unverantwortlich. Szenarien, in denen man ein Bußgeld auferlegt bekommt, weil man etwas auf der Straße weggeworfen hat, dessen RFID-Chip einer Person zugeordnet werden kann, gehören dann sicherlich zu den harmloseren. Denn obwohl der Chip nur eine anonyme, eindeutige Nummer speichert, kann diese beim Kauf einfach mit dem Kredit- oder Rabattkarteninhaber verlinkt werden. Jetzt denke man nur noch an RFIDs in Kleidung und unsichtbar platzierte Auslesegeräte und es fängt an gruselig zu werden. Eine sinnvolle gesetzliche Regelung, die den Datenschutz nicht schwächt ist dringend vonnöten.

Noch zwei weitere erwähnenswerte Beispiele in diesem Zusammenhang:


  • Neue Farbdrucker drucken einen kaum sichtbaren Kod auf jede Seite, der Zeitangaben und die Seriennummer des Druckers beinhält.

  • Der Einsatz von Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen nimmt ständig zu und neue automatische Gesichtserkennungsverfahren erlauben bisher ungeahnte Möglichkeiten der Verfolgung von Personenbewegungen.

Schlussendlich läuft es darauf hinaus, die Vernetzung der vielen Datenschnipsel zu verhindern und hier ist eine Stärkung des Datenschutzes gefragt, keine graduelle Schwächung, wie wir sie in den letzten Jahren mit dem Argument der “Sicherheit” erleben. Denn,

“Diejenigen, die ihre Freiheit der Sicherheit opfern verdienen keine der beiden” (Benjamin Franklin)

Zum gleichen Thema, siehe auch diesen Artikel der ZEIT.

Darf in einem kritischen Artikel ein Link auf die Web-Seite eines in Deutschland illegalen Produktes gesetzt werden, oder nicht? Die Musikindustrie denkt “Nein” und verklagte den Heise Verlag wegen eines Artikels auf der bekannten Nachrichtenseite heise.de. Jetzt hat der Verlag Verfassungsbeschwerde eingelegt gegen gefällte Urteile aus niedrigeren Instanzen. Diese Urteile gaben der Musikindustrie teilweise recht und werden jetzt schon verwendet, um Webseiten-Betreiber abzumahen. Links gehören zur Online-Berichterstattung und stellen den Hauptunterschied zu gedruckten Medien dar – eine solche rechtliche Ungewissheit, im Bezug auf was verlinkt werden darf, würde sicherlich zu einer Verarmung von Inhalten führen, denn wer kann und will denn schon das Risiko einer teuren Abmahnung oder eines Gerichtsverfahrens eingehen. Versuche der Zensur und Einflussnahme auf Inhalte im Internet gibt es wohl immer wieder und gerade deshalb ist es wichtig, dass der Verlag den Schritt zur höchsten Instanz geht. Ich hoffe sehr, dass das Bundesverfassungsgericht im Sinne der Pressefreiheit entscheidet.

Eine chronologische Zusammenfassung des bisherigen Verlaufs und den Wortlaut der Verfassungsbeschwerde findet man auf http://www.heise.de/heisevsmi/.

Die Cicero-Affäre ist in aller Munde und in vielen Medien liest man feurige Plädyers, die die Pressefreiheit in Gefahr sehen. Es ist wohl durchaus richtig, dass der Informantenschutz dadurch ausgehöhlt werden kann, dass man Journalisten als Mittäter bezichtigt und dadurch wegen Beihilfe zu einer Straftat Redaktionsräume durchsuchen kann, wobei man dann vielleicht sogar noch zufällig andere nützliche Informationen findet. Dies ist – falls es wirklich zunimmt – klar zu verurteilen, denn es führt dazu, dass keiner mehr Journalisten Zusicherungen von Anonymität abnimmt.

Ein weiter Punkt ist zu beachten, bevor man über die Cicero-Affäre spricht. Nämlich, ob es dem Staat erlaubt sein soll, Geheimnisse zu haben oder nicht. Es gibt offensichtliche Gründe dafür (Strafermittlungen z.B.) und wenn etwas als “geheim” eingestuft werden darf, muss der Staat auch das Recht haben, dies zu schützen. Leider weiß ich zu wenig darüber, welche Regeln gelten, etwas als geheim zu deklarieren, und es ist durchaus möglich, dass hier Änderungsbedarf besteht – etwa bei nicht sicherheitsrelevanten Dingen. Meines Wissens gilt hier in Schweden zum Beispiel das Öffentlichkeitsprinzip, d.h. jeder kann alle archivierten Dokumente der Behörden einsehen, die nicht zu den wenigen sicherheitsrelevanten Bereichen gehören.

Zum eigentlichen Punk: Bei der sogenannten Cicero-Affäre ging es nicht um die Enthüllung eines Skandals oder etwas, das einen Geheimnisverrat rechtfertigen würde. Dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitet, um das Sicherheitsleck zu finden, ist nur natürlich und Schily selbst hat sogar die Pflicht, dem zuzustimmen. Judikative und Exekutive sind immernoch getrennt. Einige Artikel empören sich v.a. über Schilys herablassende Art (Stichwort: “Diese Hanseln!”), haben aber wenig Substanz. Eine gute Zusammenfassung der Hintergründe ist dieser ZEIT-Artikel.

Schlusswort: Sich über unberechtigte Redaktionsdurchsuchungen zu empören, ist völlig richtig und wichtig. Dass es aber just in diesem Fall unberechtigt war, davon bin ich nicht überzeugt.

Neueröffnung

Der erste Eintrag eines neuen Blogs ist sicherlich der schwierigste. “Blogressiv” ist gerade im Aufbau und wir hoffen, dem Motto Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft mit regelmässigen Beiträgen gerecht zu werden.